Das Schicksal eines Virus ist mit dem seines Opfers untrennbar verbunden. Von Mutation, Selektion und Angst: Sars, biologisch betrachtet.
G
esundheit!" rufen wir, wenn einer niest, oder: "Helf Gott!" Wir mei nen das harmlos, freundlich bis neckisch. Als die Pest wütete, waren solche Wünsche weniger kokett gemeint: Das sich im Niesreflex entladende Kitzeln in der Nase konnte ein erster Gruß des Schwarzen Todes sein.
Kann ein Hüsteln dieser Tage in China oder Kanada ebenso unheilvoll sein? Für den Hüstelnden ja: Das "Serious Acute Respiratory Syndrome" (Sars) kann tödlich verlaufen. Aber ist diese Krankheit irgendwie mit Seuchen wie der Pest vergleichbar? Immerhin hat die WHO am 15. März 2003 Sars zur "weltweiten Bedrohung" erklärt. Ziemlich eilig eigentlich: Zu dieser Zeit ließen sich vielleicht zehn Todesfälle auf Sars zurückführen. Zuletzt - am 28. April - hörte man von 318 Toten und 5300 Infizierten weltweit. Auch diese Opferzahlen sind nicht katastrophal. Genauso wenig wie die epidemiologischen Entwicklung: Laut WHO sinkt die Zahl der diagnostizierten Neuerkrankungen seit Ende März.
Was ist also schuld an der anscheinend unangemessen großen Erregung? Vielleicht, so paradox das klingen mag, dass sie uns nicht unvorbereitet trifft. Spätestens seit dem 11. September 2001 fürchtet sich die so genannte industrialisierte Welt vor Anschlägen mit lebenden Waffen. Vor menschlichen Selbstmord-Attentätern - so zynisch das klingen mag - genauso wie vor in finsteren Laboratorien gezüchteten oder gar manipulierten Bakterien. Wir haben noch die Milzbrand-Briefe im Kopf. Und Bilder von Gasmasken, die im Lauf des Irak-Kriegs (meist aus den Archiven) publiziert wurden, überlappen mit denen von Atemschutzmasken in Folge der Sars-Gefahr.
Das Wissen, dass ansteckende Krankheiten von lebenden Wesen hervorgerufen werden, die sich in uns, auf unsere Kosten vermehren, haben wir internalisiert. Wir sprechen zwar von "Verkühlungen", als ob die Temperatur uns krank machte, aber wir meinen zu spüren, wie uns die Viren kitzeln.
Viren: Dass die Erreger von Sars solche sind und keine Bakterien, trägt zur Unheimlichkeit bei. Auch das scheint auf den ersten Blick seltsam: Denn Schnupfen, wohl eines der harmlosesten Leiden der Menschheit, wird auch von Viren hervorgerufen.
Aber, wie der Volksmund sagt: Schnupfen ist unheilbar. Zumindest die Antibiotika, mit denen wir unsere mikrobiellen Bewohner bei so vielen Krankheitsbildern traktieren, können ihm nichts anhaben. Warum nicht? Weil die meisten Antibiotika den Stoffwechsel von Lebewesen attackieren - und Viren haben keinen Stoffwechsel. "Da ihnen ein Stoffwechsel-Apparat fehlt, betrachtet man Viren nicht als lebende Organismen", hielt vor zehn Jahren ein Biochemie-Lehrbuch fest.
Viele theoretische Biologen würden das heute wohl anders sagen. Vielleicht so: Viren sind die purste, unverblümteste Form des Lebens, sie beschränken sich auf das, was dieses zweifellos auszeichnet: auf die Weitergabe von Information. Sie sind mobile genetische Elemente, Erbgut (DNA oder RNA) mit der notwendigsten Verpackung, Replikatoren ihrer selbst mit möglichst wenig Drumherum. Ein Huhn ist bekanntlich eine aufwendige Methode, aus einem Ei ein anderes - oder: mehr Eier - zu machen. Ein Virus ist eine sehr effiziente Methode, DNA (oder RNA) zu kopieren. Allerdings: Es ist dazu auf andere Organismen angewiesen, auf Rohmaterial (zum Beispiel Aminosäure für die Proteine) und Infrastruktur, die diese zur Verfügung stellen (müssen).
Wie sehr ein Virus dabei die von ihm benutzten Organismen schädigt, hängt von seinen Aussichten in seiner Umwelt ab. Natürlich auch von der Geschwindigkeit, mit der er mutiert. Dass er mutiert, dass sich in sein Erbgut kleine Fehler einschleichen, die selten ihr Gutes haben, ist nichts Besonderes: Die "fatale Mutationsfreude", die eine Zeitung konstatierte, kann man allen Lebewesen nachsagen.
Die Mutationen sind ziellos, blind. Was der Evolution eine Richtung verleiht, ist die Selektion. Nehmen wir als Beispiel ein Virus, das eine für den befallenen Menschen unangenehme, aber nicht tödliche Erkältung auslöst. Einem solchen Virus soll eine Mutation passieren, die bewirkt, dass der betroffene Mensch binnen drei Tagen stirbt - und das Virus mit ihm. Jetzt kommt es auf die Wahrscheinlichkeit an, dass das Virus auf andere Menschen überspringt. Wenn sie hoch ist, kann die letale Mutante sich ausbreiten. Wenn sie gering ist, dann sind die alten, eher harmlosen Viren im Vorteil.
Vom Standpunkt des Virus gesehen: Es muss das Ausmaß des Schadens, das es seinem Wirt zufügt, gegen die Chance abwägen, einen neuen Wirt zu finden. Diese hängt natürlich von der Bevölkerungsdichte ab, aber auch von kulturellen Faktoren wie dem berühmten "Hand-Vorhalten beim Niesen" oder, bei sexuell übertragenen Viren, von der Promiskuität. Nicht nur der britische Genetiker Steve Jones meint, dass das HI-Virus, das Aids auslöst, in seinen Anfängen in Senegal - wo die Promiskuität gering war - relativ harmlos war.
Das Virus, das Sars auslöst, wurde bereits als Coronavirus identifiziert. Coronaviren sind RNA-Viren, so wie HI-Viren, aber das ist auch schon die ganze Ähnlichkeit. Im Gegensatz zu den HI-Viren lassen sie ihre RNA nicht in DNA umstricken.
Zirka 20 Prozent der harmlosen Erkältungen bei Menschen werden von Coronaviren ausgelöst. Ist es möglich, dass der Sars-Virus in jüngster Zeit durch Mutation aus einem solchen Schnupfen-Virus entstanden ist? Nein, sagt Reinhard Vlasak, Experte für Coronaviren am Institut für Molekularbiologie in Salzburg: "Die Unterschiede sind zu groß. Wenn es einen gemeinsamen Vorfahren gab, dann haben sie sich Jahrhunderte lang auseinander entwickelt."
Die RNA des Sars-Virus besteht aus zirka 30.000 Basen - zum Vergleich: die DNA des menschlichen Genoms hat an die drei Milliarden Basen. Mit dieser Erbinformation lässt sich das Virus fünf bis sechs Strukturproteine bauen (für seine Oberfläche und Membran), dazu kommt, so Vlasak, "eine Reihe von Proteinen, die nur in den infizierten Zellen auftauchen und dort die Vervielfältigung der Virus-RNA unterstützen". Und einige kleine Proteine, die man nicht kennt.
Vielleicht liegt in diesen das Geheimnis der für seinesgleichen ungewöhnlichen Aggressivität dieses Coronavirus? Studien aus Kanada werfen auch die Frage auf, ob diese nicht ziemlich variabel ist. "Man hat bei zirka jedem fünften Patienten, der anfangs unter Sars-Verdacht stand, die Viren gefunden, aber nicht die klinischen Symptome", schildert Vlasak. Das erlaubt zwei Interpretationen: Entweder sind unterschiedlich aggressive Varianten unterwegs. Oder es sind manche Personen anfälliger als andere. Auch bei anderen Infektionskrankheiten hängt die Ansteckungsgefahr ja auch von der genetischen Konstitution der Wirte ab.
Eine wirkliche Seuche wie Pest und Cholera - und wohl in Teilen Afrikas auch Aids - greift auch in die Evolution der Menschen ein, indem sie deren Gen-Pool einer Auslese unterzieht. Einfach weil jene Menschen bevorzugt überleben, die etwa eine Mutation aufweisen, die dem Erreger das Eindringen in die Zellen erschwert.
Einstweilen muss man bei Sars freilich nur an Evolution und Strategie der Erreger denken. Bei dieser klafft noch eine Wissenslücke. Es steht nicht fest, dass Sars nur durch Tröpfcheninfektion - also über bei Husten oder Niesen - übertragen werden kann. Es ist möglich, dass es über kurze Strecken auch durch die Luft reisen kann. Diese Möglichkeit macht wohl auch einen Teil des Schreckens von Sars aus: Dass die Luft, ohne die wir ersticken, krank mache, diese Vorstellung hat ja schon - zu Unrecht - eine Krankheit benannt, mit der die Menschen immer noch ringen: Malaria.