Die US-Regierung vermied es, in Euphorie zu verfallen. Für Präsident Bush bedeutet die Festnahme Saddams aber einen wichtigen Schritt zu einer Wiederwahl.
WASHINGTON. Donald Rumsfeld war besonders gut aufgelegt. Das fiel den Teilnehmern einer Weihnachtsfeier Samstag Abend (Ortszeit) in Washington auf. Seit langem hatte man den US-Verteidigungsminister nicht mehr so locker erlebt. Ein paar Stunden später war klar, was der Grund für die äußerst gute Laune des Pentagonchefs war: Seine Soldaten hatten Saddam Hussein gefasst.
Die Nachricht von der Festnahme des ehemaligen irakischen Diktators ist für die Regierung von George W. Bush ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. Die monatelange, ergebnislose Suche einer eigens aufgestellten Sondereinheit hat endlich ein Ende. Erstmals seit der im Nachhinein blamablen Erklärung auf einem Flugzeugträger, die Irak-Mission sei erfüllt, kann Bush mit guten Nachrichten aus dem Irak aufwarten. Den Erfolg hatte die Administration dringend nötig, die wegen der noch immer nicht gefundenen Massenvernichtungswaffen, den täglichen Attacken und wegen den finanziellen Belastungen des Krieges schwer unter Druck geraten ist.
George W. Bush erreichte die gute Nachricht Samstag Nachmittag in Camp David im US-Bundesstaat Maryland, wo er das Wochenende verbringen wollte. Er kehrte in das Weiße Haus zurück, wo ihn Sonntag Früh gegen fünf Uhr Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice telefonisch mit der Bestätigung weckte: Man sei jetzt sicher, dass es sich bei dem bärtigen, ungewaschenen Mann um Saddam Hussein handle.
Mit Freudentaumel hielt man sich im Weißen Haus auffallend zurück. Keine eilig einberufene Pressekonferenz, keine sofortige Fernseherklärung des Präsidenten. Stattdessen überließ man es dem treuen Weg- und Kampfgefährten Tony Blair, als erster in einer Aussendung die Festnahme Saddams offiziell zu bestätigen. Und auch die Pressekonferenz im Irak unter Leitung von Zivilverwalter Paul Bremer sollte signalisieren, dass es sich um eine irakische Angelegenheit handelt, dass es ein Erfolg für das irakische Volk ist. Man wollte nicht einen US-Präsidenten zeigen, der triumphierend das erniedrigende Ende seines Feindes in einem Erdloch verkündet.
Wie der US-Regierungschef reagieren und vor allem, wie man nun weiter verfahren soll, war Thema einer morgendlichen Krisensitzung im Weißen Haus mit Bush und seinem Beraterstab. Der Präsident sagte sogar seinen sonntägigen Gang zur Kirche ab, ein absoluter Ausnahmefall. Offiziell begründete das ein Sprecher mit den heftigen Schneefällen, die Washington in der Nacht zentimeterhoch eingedeckt und teilweise lahmgelegt hatten.
Im Weißen Haus, an der Pennsylvania Avenue 1600, bemühte man sich, die Euphorie in Zaum zu halten und Hoffnungen auf ein Ende des Guerilla-Krieges zu dämpfen. Zu ungewiss war, wie es im Irak jetzt weitergeht und wie die Reaktionen im Land ausfallen.
Die Festnahme des ehemaligen Diktators werde die Anschläge auf die US-Truppen nicht mit einem Schlag beenden, erklärte denn auch ein Mitarbeiter des Weißen Hauses. Möglich sei vielmehr, dass es als Folge zu einer Zunahme der Attacken in den kommenden Tagen und Wochen komme. Mittel- und langfristig erhofft sich die US-Regierung freilich, dass sich die Sicherheitssituation im Irak dramatisch verbessern wird.
Für Bush ist die Inhaftierung Saddam Husseins ein wichtiger Erfolg, der ihm im Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen 2004 helfen kann. Zweifellos erhoffen sich die USA von Saddam jetzt Hinweise auf mögliche Verstecke für Massenvernichtungswaffen.
Würde man in der Folge noch solche Waffen entdecken, wäre endlich auch der Grund für den Waffengang im Frühjahr belegt. Bis jetzt konnten die USA keinerlei Beweise finden und mussten eingestehen, dass die Hinweise auf Massenvernichtungswaffen teilweise fabriziert worden waren.
Wichtig wird jetzt auch sein, wie die Bush-Regierung mit dem prominenten Gefangenen verfährt. Beobachter warnen davor, Saddam zu lange in US-Gewahrsam zu behalten. Man müsse ihn wegen Vergehen gegen die Menschenrechte und wegen Kriegsverbrechen möglichst bald entweder vor ein internationales Gericht stellen oder den irakischen Behörden übergeben. Keinesfalls dürfe man den Eindruck einer "Siegerjustiz" erwecken.