Soldaten-Frauen: Zweifel und Hoffnung

Eine junge Frau in Virginia, ihr Mann als US-Soldat im Irak: Ein Leben voller Zweifel und Hoffnung.

Washington. Der Rasen vor dem roten Backsteinhaus in McLean im Norden Virginias ist kurz gemäht, fast wie auf einem Golfplatz. Hinten im Garten liegt zerschnitten ein Baum, den ein Sturm entwurzelt hatte. In der Auffahrt parkt ein Ford Explorer Geländewagen, daneben ein Dodge Caravan, der typische Familien-Van.

Alles hier scheint so zu sein, wie bei jeder anderen durchschnittlichen amerikanischen Familie auch. Selbst die US-Fahne, die auf einem Mast vor dem Haus im Wind flattert, ist kein ungewöhnlicher Anblick. Nur die Plane über dem Ford ist untypisch. Autos werden in den USA normalerweise nicht so sorgsam geschützt. "Ich fahre ihn nicht", sagt Laura Shafer und deutet auf den Geländewagen. "Er ist mir einfach zu groß."

Außerdem habe sie Angst, mit dem Auto, das sich die Familie erst vor einem Jahr gekauft hat, einen Unfall zu verursachen; dass sie eine Delle in den glänzenden, dunkelblauen Lack fährt. Und was wird Steven dann sagen, wenn er zurückkommt. Laura Shafer sagt "when", also "wann", und das ohne zu zögern. Dabei ist es mittlerweile wohl eher ein "if" - falls er zurückkommt. Denn Steven Shafer ist seit einem halben Jahr als US-Soldat im Einsatz im Irak.

Mit jedem Tag, den er länger in der Nähe von Bagdad stationiert ist, steigt die Möglichkeit, dass er in einen Hinterhalt gerät, in der Nähe einer Bombenexplosion ist oder in einen der täglichen Unfälle auf den Straßen der irakischen Hauptstadt verwickelt wird.

Das Leben im befreiten Irak ist gefährlich. Mehr als 100 Soldaten sind bei Anschlägen ums Leben gekommen, seit US-Präsident George W. Bush am 1. Mai auf dem Flugzeugträger "Abraham Lincoln" das Ende der großen Kampfhandlungen verkündet hat.

Von einem Ende kann keine Rede sein: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von Attacken auf US-Truppen berichtet wird. Neulich hat die "Washington Post" eine Doppelseite mit Fotos und kurzen Biografien von jedem Soldaten gebracht, der in den vergangenen acht Wochen ums Leben gekommen ist. Man ist nur deswegen mit einer Doppelseite ausgekommen, weil es von etlichen Soldaten kein Foto gab.

Laura Shafer hat die Bilder genau angeschaut, genau gelesen, von welcher Truppe die Männer sind, die ihr Leben für Gott und Vaterland gegeben haben. Von Stevens Einheit, dem 359. Transportbataillon, war keiner dabei. Ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht ist sein Einsatz ja nicht so gefährlich. Vielleicht ist er ja weit weg von allen Angriffen. Vielleicht sind die Guerilla-Kämpfer kaum an den Transporttruppen interessiert. Vielleicht kommt er ja bald zurück . . .

Das Leben von Laura Shafer und ihren beiden Kindern Christopher, vier Jahre alt, und Eva, gerade einmal zehn Monate, baut seit 24 Wochen auf diesem einen "Vielleicht" auf. Seit im Februar 2003 der Einberufungsbefehl kam und Steven zwei Monate später, im April, nach Kuwait und dann in den Irak verlegt wurde, seitdem also.

Eigentlich wollte Steven ja den Dienst als Reservist der US-Armee quittieren. Zu oft ist er in der Vergangenheit eingezogen worden, zu oft musste er von der Familie weg, zu oft gab es nach den Einsätzen finanzielle Probleme. Aber die neuerliche Einberufung kam seinen Plänen zuvor. Auf den Reservisten, den "Wochenend-Krieger", wie man sie spöttisch nennt, baut jetzt der Irak-Krieg auf.

Im US-Bundesstaat Virginia, in dem Steven Shafer lebt, sind mehr als 4000 Reservesoldaten einberufen worden. In den gesamten USA hat der Irak-Krieg die größte Mobilisierung dieser Freiwilligen-Armee seit dem Zweiten Weltkrieg gebracht. Wird ein Reservist zur Armee eingezogen, muss ihn die Firma laut Gesetz karenzieren und ihm nach Ende seines Einsatzes seinen ursprünglichen Arbeitsplatz wieder geben. Sie muss ihn aber nicht weiter bezahlen, das übernimmt der Staat, der zahlt allerdings deutlich schlechter als die Privatwirtschaft.

Steven Shafer arbeitet als Kreditprüfer in einer Autofirma in Rockville (Maryland). Um wie viel Geld weniger pro Monat zur Verfügung steht, will Laura Shafer nicht sagen. Sie müsse aber rechnen und überlegen, wofür sie ihr Geld ausgibt. In der Küche des kleinen Einfamilienhauses stapeln sich jedenfalls die Diskont-Coupons für Lebensmittel- und Bekleidungsgeschäfte aus den Werbebeilagen der Sonntagszeitungen.

"Die Nachbarn sind alle eine große Hilfe", sagt die 35-Jährige. Jede Woche mäht ein anderer den Rasen. Als der Baum umgefallen ist, sind sofort am nächsten Tag einige Männer mit Motorsägen vorbeikommen. Selbst die Autos werden gewaschen. Amerikanische Nachbarschaftshilfe. Vielleicht aber auch ein wenig schlechtes Gewissen, weil Steven Shafer im heißen Irak kämpft, während sie zu Hause sitzen, am Samstag ihren Barbecue geniessen, Bier trinken und sich im wohltemperierten Wohnzimmer Football-Spiele ansehen und über Schiedsrichter schimpfen.

Wofür Steven Shafer kämpft? "I don't know", sagt seine Frau. Sie weiß es nicht. Am Anfang sei sie noch überzeugt gewesen, dass der Irak das "Böse" ist; dass für die USA wegen der Massenvernichtungswaffen allergrößte Gefahr besteht. Deshalb war sie für den Krieg, deshalb hat Steven Shafer auch den Fahnenmast und die Flagge aus Plastik beim "Home Depot" gekauft, um seine Solidarität zu zeigen: In Zeiten wie diesen stehen wir geeint hinter unserem Präsidenten und halten die Fahne hoch, sollen die Stars and Stripes um 19.99 Dollar wohl symbolisieren.

Je länger der Einsatz aber dauert, umso größer werden die Zweifel. Vor allem, weil es vom Grund für den Krieg, von den Massenvernichtungswaffen, noch immer keine Spur gibt. Laura Shafer fühlt sich betrogen, weil man ihren Mann in einen Kampf geschickt hat, für den es offenbar doch keinen unmittelbaren Anlass gegeben hat.

Und dazu kommen die täglichen Angriffe auf die US-Truppen nach der Vertreibung des Diktators Saddam Hussein. "Wir werden angegriffen, nicht gefeiert, man hasst uns, warum gehen wir nicht einfach wieder", fragt sie. Stabilität und Weltpolitik interessieren eine angsterfüllte Ehefrau nicht. Steven will sie in den wenigen Telefonaten und E-Mails nichts von ihren Zweifeln berichten. Er soll glauben, dass sie stolz ist auf das, was er tut: "Wenn ich ihm sage, dass ich gegen den US-Einsatz bin, sage ich ihm, dass ich all das, wofür er sein Leben riskiert, für sinnlos halte."

Vielleicht geht es Steven Shafer ja ähnlich? Vielleicht zweifelt er mittlerweile ja auch an der Sinnhaftigkeit seiner patriotischen Pflicht und sie weiß es nur nicht, weil sie nie darüber sprechen? Wenn er wieder da ist - "when" also -, sei dafür ja noch genug Zeit, meint Laura Shafer. Dass er zurückkommt, davon ist sie fest überzeugt. Im Gegensatz zu anderen Frauen von Soldaten, mit denen sie sich regelmäßig trifft, liest sie Zeitungen und verfolgt Nachrichten. Mittlerweile kennt sie durch die Angriffe und die Bomben die verschiedenen Ortschaften, das Einsatzgebiet der US-Truppen und, so komme es ihr manchmal vor, den Stadtplan von Bagdad. Nein, zu ihr werden sie nicht kommen, die zwei freundlichen Herrn vom Pentagon - ein Offizier und ein Psychologe mit dem Scheck und der in letzter Zeit so oft wiederholten Ansprache von Pflicht, Treue, Vaterland und Tod.

Die Nachbarn seien sehr für den Krieg, lobten sehr den Einsatz ihres Helden. Zumindest ihr gegenüber. Man will schließlich die Moral hochhalten. Aber als nach dem Hurrikan "Isabel" zwei Tage lang kein Strom da war, da murrte man schon über die Milliarden, die im Irak für den Aufbau einer modernen Elektrizitätsversorgung ausgegeben werden, während in den USA nichts in die Verbesserung des heillos veralteten Leitungssystems investiert wird.

Laura Shafer interessieren solche Diskussionen nicht. Sie will Steven möglichst bald wieder haben. Irgendwann soll er jetzt einmal Heimaturlaub bekommen. Dann kann er Eva erstmals krabbeln sehen, und Christopher kann ihm die Bilder geben, die er gemalt hat und die schon einen ansehnlichen Stapel ausmachen.

Der Friede in der Weaver Avenue wird freilich nicht von langer Dauer sein. 15 Tage genehmigt das Zentralkommando den Soldaten. Dann heißt es wieder Abschied nehmen vom Barbecue und von Sonntagnachmittagen vor dem Fernseher, dann geht es wieder in den Krieg.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.