Karrierechancen bieten Finanzdienstleister nur im Vertrieb. Zum Top-Job gehören großer Ehrgeiz - und Glück.
Wien. Unsicherheit herrscht nicht nur an den Finanzmärkten, sondern auch auf den Arbeitsplätzen dahinter. Wo es bei Versicherungen, Banken und anderen Finanzdienstleistern noch Karrierechancen gibt, darüber diskutierten auf Einladung der "Presse" und der "Kleinen Zeitung" Rupert Dollinger, Personalchef der Erste Bank, Robert Bilek, Personalchef der Wiener Städtischen, Berndt May, Österreich-Chef der Investmentbank JP Morgan, Werner Laure, Personalchef der Bank für Kärnten und Steiermark, Andrea Leissinger, Miteigentümerin der Personalberatung Catro und Sylvia Müller-Trenk von Hill-Woltron.
Dollinger unterteilt Finanzjobs in drei Bereiche: Die Verkaufs- und Vertriebsmitarbeiter, die klar dominieren, die Mitarbeiter in der Verwaltung und extreme Spezialisten - etwa für Controlling, oder für die neuen Bilanzierungsregeln IAS oder Basel II.
Karriereaussichten bieten Banken und Versicherer momentan nur im Verkauf. Das Anfangsgehalt liegt bei 18.000 Euro im Jahr. Die Anforderungen steigen - am Bankschalter genauso wie in der Versicherungsbranche. "Im Geschäft auf Kunden warten ist eine Sache, aber aktiv auf Kunden zugehen und verkaufen, das schaffen in Österreich wenige", weiß Bilek Viele Versicherer drängen Verkäufer überhaupt in die Selbstständigkeit. Der Druck steigt. Die, die es nicht schaffen, wollen in den Innendienst. Doch dort sehen Experten null Chancen. "Wir reduzieren massiv Personal im Back Office, das ist ein Hinweis, was sich derzeit abspielt", so der Erste-Personalchef. Freie Stellen werden laut Laure intern besetzt, etwa mit Wertpapierhändlern, die den Stress nicht mehr aushalten.
Bei der externen Kandidatensuche fällt Personalberaterin Müller-Trenk immer wieder auf, dass BWL-Absolventen voll auf Marketing fixiert sind, während sich die wenigsten im Studium mit Finanzen beschäftigen. Noch tragischer ist nach Ansicht von Investmentbanker May, dass Bewerber oft uninformiert sind und nicht einmal die Wirtschaftsteile der Zeitungen lesen. "Begeisterung dafür ist unbedingt nötig." Genauso wie Neugierde, ergänzt Leissinger.
Abwerben lassen sich gute Leute momentan nicht gerne, nicht einmal für viel Geld. "It's not movers time", so May. Auch Laure weiß: Jobsicherheit geht vor, nur Führungspositionen locken gute Mitarbeiter an.
Strukturvertriebe wie den AWD sehen nicht alle als Einstiegshilfe. "Viele Banken und Versicherungen wollen deren Verkäufer nicht", sagt Müller-Trenk. JP-Morgan-Chef May nimmt sie allerdings in Schutz: "Das schlechte Image stimmt fachlich längst nicht mehr." Die Ausbildung sei mittlerweile exzellent. Wenn er vor Strukturvertrieblern vorträgt, rechnet er immer mit scharfen Fragen.
Und die große Karriere in den "Königsdisziplinen" Investmentbanking und Fondsmanagement? Die ist bei internationalen Häusern laut May nur für wirklich Ehrgeizige drin, und selbst die brauchen Glück. "Nur ganz wenige können mit 40 als Millionär aufhören."