Interview

Atomwaffen und Manöver in Belarus: „Putin will den Westen ständig unter Druck setzen“

Die Anführerin der belarussischen Opposition, Swetlana Tichanowskaja, über die Gründe für die überraschende Freilassung ihres Ehemanns, das Kalkül hinter einem neuen Großmanöver an der Nato-Grenze und Putins Pläne für ihr Land: „Es geht darum, unsere nationale Identität auszulöschen.“

Swetlana Tichanowskaja beim Interview in Wien. Das Bild auf ihrer Mappe zeigt Maryja Kalesnikawa. Die Bürgerrechtlerin sitzt seit 2020 im Gefängnis. Als er noch in Haft war, klebte ein Bild ihres Mannes auf der Mappe.
Swetlana Tichanowskaja beim Interview in Wien. Das Bild auf ihrer Mappe zeigt Maryja Kalesnikawa. Die Bürgerrechtlerin sitzt seit 2020 im Gefängnis. Als er noch in Haft war, klebte ein Bild ihres Mannes auf der Mappe.Jana Madzigon

Die Presse: Ihr Ehemann, Sergej Tichanowskij, wurde Ende Juni nach mehr als fünf Jahren politischer Haft freigelassen. Dafür haben Sie lang gekämpft. Gab es danach nie den Moment, in dem Sie dachten: „Wir haben unseren Beitrag geleistet und einen hohen Preis gezahlt. Jetzt sollen andere weitermachen – wir wollen einfach ein normales Familienleben mit unseren Kindern?“

Swetlana Tichanowskaja: 2020 haben wir die Wahlen gewonnen, und ich habe den Belarussen versprochen, dass ich an ihrer Seite bleibe, bis wir unser Ziel erreichen: freie und faire Wahlen. Und auch wenn mein Ehemann wegen der klaren Haltung der Europäer und der diplomatischen Anstrengungen von Donald Trump jetzt Gott sei Dank wieder bei mir ist, kann ich die Freude über die Wiedervereinigung meiner Familie nicht auskosten, solang noch mindestens 1300 andere Familien auf ihre Angehörigen warten. Ich habe also keine Wahl.

Sprechen Sie mit Ihrem Mann über die Haftzeit? Und decken sich seine Schilderungen mit dem, was Sie sich vorgestellt haben?

Er war in Isolation, und ich malte mir deshalb das Schlimmste aus: Folter, Einsamkeit, dass er vielleicht den Glauben verliert. Als er herauskam, erzählte er, dass er tatsächlich fast nur in Strafzellen war – Betonwände, kaum Essen, keine Hygieneartikel, keine Sitzmöglichkeiten. Aber er sagte auch, dass er immer wusste, dass wir draußen für ihn kämpfen. Das gab ihm Kraft. Manchmal schrie er in Isolationshaft laut „Tichanowskij lebt!“, damit andere Gefangene es hören und weitertragen, auch wenn er wusste, dass er deshalb wieder wochenlang in die Strafzelle musste. Aber eines ist auch klar: Wir werden nie emotional nachempfinden können, was politische Gefangene durchmachen. Und es ist auch schmerzhaft zu sehen, dass es einigen der politischen Gefangenen aus dem Jahr 2020 teilweise schwerfällt, den Kontakt zur heutigen Realität herzustellen.

Tichanowsjaka: „Lukaschenko ist verwundbar.“
Tichanowsjaka: „Lukaschenko ist verwundbar.“Jana Madzigon

Wie meinen Sie das?

Als er (Ehemann Tichanowskij, Anm.) freigelassen wurde, dachte er, die Opposition sei noch immer so energiegeladen wie zum Zeitpunkt seiner Verhaftung. Ihm fehlten fünf Jahre der Unterdrückung. Selbst die Opposition im Exil lebt ja in Angst, weil ihre Verwandten noch in Belarus sind oder Eigentum konfisziert wird. Auch emotional ist es für ihn schwierig, den Anschluss zu finden. Wir anderen haben gemeinsam die Massenproteste erlebt. Wir haben auch den Schmerz über den Kriegsbeginn in der Ukraine geteilt. Über Butscha. Mariupol. Nawalny. Für meinen Mann waren das nur kurze Nachrichten im Gefängnis. Diese emotionale Kluft wird sich vielleicht nie heilen lassen.

Sie wurden während der Haftzeit zum bekanntesten Gesicht der belarussischen Opposition – gleichsam von der Hausfrau zur Anführerin des Widerstands gegen Europas letzten Diktator. Werden Sie weiterhin an der Spitze stehen – oder Ihr Mann?

Es war nie so, dass ich ihm nur den Platz freigehalten hätte. Ich bin in diese Rolle hineingewachsen, und er respektiert das vollkommen. Es geht nicht um Konkurrenz, sondern darum, sich zu ergänzen.

Warum hat Lukaschenko Ihren Mann freigelassen?

Ich war eigentlich lang überzeugt, dass mein Mann einer der Letzten sein würde, der freikommt, weil er als einer der größten Gegner Lukaschenkos gilt. Ein Grund könnte sein, dass sein Gesundheitszustand sehr schlecht war. Vielleicht wollte das Regime nicht ein Nawalny-Szenario riskieren. Außerdem spielte mein Mann im Gefängnis ein Spiel: Er tat so, als glaube er den Wärtern, die ihm einreden wollten, dass ihn draußen niemand mehr erwarten würde und dass seine Frau ein neues Leben hätte.

Aber was wollte Lukaschenko politisch mit den Freilassungen erreichen? Ging es auch um eine Lockerung der Sanktionen?

Ja. Die Sanktionen treffen ihn hart. Und natürlich würde er gern die Isolation durch unsere demokratischen Partner überwinden. Für ihn war es wichtig, dass jemand aus den USA zu Besuch kommt. Am Tag der Freilassung war US-General Keith Kellogg da. In Lukaschenkos Wahrnehmung kommt der Besuch einer Anerkennung seiner Präsidentschaft gleich. Aber die westliche Politik hat sich durch die Freilassungen nicht geändert und ihre Sanktionen gerade verlängert. Lukaschenko hat also nichts bekommen außer ein Foto mit Kellogg.

Sie haben erwähnt, dass die Opposition nicht mehr so energiegeladen wie vor fünf Jahren ist. Sitzt Lukaschenko heute nicht noch fester im Sattel?

Er ist verwundbar und seine Position fragil. Wir wissen aus internen Quellen, dass er seine Position selbst als schwach empfindet. Er ist völlig von Putin abhängig, wird von den Menschen abgelehnt, und selbst in seinem Umfeld gibt es Zweifel. Wirtschaftlich steht Belarus am Abgrund. Auch deshalb, weil die russische Wirtschaft stagniert. Und China wollte Belarus als Transithub nutzen. Das geht aber wegen der Sanktionen nicht. Und die Gesellschaft mag im Moment wegen der Repressalien still wirken, aber sie hat nicht aufgegeben. Es gibt Untergrundstrukturen, starke unabhängige Medien, Institutionen im Exil. Wenn der Moment kommt – ausgelöst durch Entwicklungen im Krieg in der Ukraine oder wegen einer Wirtschaftskrise –, wird die Bevölkerung bereit sein. Und anders als vor fünf Jahren gibt es jetzt eine europäische Perspektive.

Aber selbst wenn Lukaschenko abtreten würde – Putin würde wohl kaum zulassen, dass Belarus ein proeuropäischer Staat wird, ohne zuvor militärisch zu eskalieren?

Natürlich würde er versuchen, dieses Szenario zu verhindern. Belarus gefügig zu halten liegt im Interesse des imperialistischen Russland. Aber wir müssen die europäische Denkweise ändern! Warum fragen wir immer nur, was Putin tun wird, ob er eingreifen wird oder nicht? Wir sollten uns fragen, wie wir den Belarussen helfen, diese Abhängigkeit loszuwerden. Egal, was Putin tut – das ist sein Problem.

Weil es zu Ende gedacht dafür in Europa die Bereitschaft geben müsste, im Ernstfall auch militärisch in Belarus einzugreifen. Diese Bereitschaft gibt es schlicht nicht.

Für die Belarussen wird es nach Lukaschenko nur zwei Möglichkeiten geben: eine prorussische Figur oder eine europäische. Dieser Moment wird entscheidend sein. Und wer weiß, vielleicht ist Russland dann zu schwach, um eine zweite Front zu eröffnen oder einzugreifen. Oder vielleicht ändert sich auch dort etwas. Wir wissen es nicht. Wir müssen vorbereitet sein.

Früher hatte sich Lukaschenko zumindest einen kleinen Spielraum gegenüber Russland bewahrt. Belarus wurde zwar als Aufmarschgebiet für den Krieg gegen die Ukraine genutzt, aber die belarussischen Streitkräfte griffen nicht direkt ein. Hat Lukaschenko heute noch einen letzten Rest Manövrierfähigkeit?

Nein, er ist völlig von Putin abhängig – und das hat er sich selbst eingebrockt. Aus Putins Sicht war es übrigens nicht nötig, dass die belarussische Armee in den Krieg zieht. Putin nutzte Belarus stattdessen, um einen Teil der Sanktionen zu umgehen. Aber vielleicht wird er Lukaschenko eines Tages doch noch bitten, sich dem Krieg direkt anzuschließen, und Lukaschenko wird das mit Vergnügen tun, auch wenn er weiß, dass die Belarussen das nicht unterstützen.

Aus der Vogelperspektive: Was hat Putin mit Belarus vor?

Es geht darum, den russischen Einfluss zu sichern und unsere nationale Identität auszulöschen – sogar unsere Sprache. Wie bei der Ukraine will man verhindern, dass die Belarussen zu ihren europäischen Wurzeln zurückkehren. Dabei darf man nicht vergessen: Unsere ganze Geschichte zeigt, dass wir Teil Europas sind. Nur in den letzten zweihundert Jahren wurden wir in die „russische Welt“ hineingezogen.

Putin hat angekündigt, Atomwaffen in Belarus zu stationieren, und nächste Woche beginnt das russisch-belarussische Großmanöver „Sapad“. Welche Signale soll das an den Westen aussenden?

Putin will den Westen ständig unter Druck setzen. Atomwaffen, Manöver und der Einsatz von Migranten sind Instrumente, um Unsicherheit zu schaffen: Wird provoziert oder nicht? Wie viele Migranten stehen morgen an der Grenze? Damit sollen Länder wie Polen gezwungen werden, sich auf ihre eigenen Grenzen zu konzentrieren, statt die Ukraine zu unterstützen.

Auch wenn „Sapad“ diesmal kleiner angelegt ist, sorgt das Manöver für Nervosität – denn 2021 nutzte Russland das Manöver, um dorthin Truppen für den Angriff auf die Ukraine zu verlegen. Könnte es diesmal zu Provokationen gegen den Westen kommen?

Wichtig ist nicht das Manöver selbst, sondern wer oder was danach in Belarus verbleibt. Genau wie 2021, als russische Truppen nach den Übungen in Belarus geblieben sind und den Angriff auf die Ukraine vorbereitet haben. Deshalb beobachten wir diesmal sehr genau, welche Truppen und welche Ausrüstung in Belarus zurückbleiben.

Würde es Putin jemals wagen, ein Nato-Land, etwa das Baltikum, anzugreifen?

Das hängt davon ab, wie geschlossen und entschlossen die Nato auftritt. Für Österreich mag das keine zentrale Frage sein, für die Anrainerstaaten aber ist sie äußerst sensibel.

Sie haben immer wieder erklärt, dass das Schicksal von Belarus auch mit jenem der Ukraine verknüpft ist. Was würde ein eingefrorener Konflikt in der Ukraine für Belarus bedeuten, wie er jetzt manchmal diskutiert wird?

Das wäre ein schlechtes Szenario für uns. Es würde Lukaschenko Zeit verschaffen, sich neu zu stabilisieren und vielleicht Macht an seinen Sohn weiterzugeben. Die Gesellschaft bliebe in Angst, und Russland hätte Gelegenheit, seine Armee neu aufzubauen. Für Belarus würde das also den Status quo auf Jahre festschreiben.

Zur Person

Swetlana Tichanowskaja wurde 1982 in Belarus geboren. Bei der Präsidentenwahl 2020 trat sie für das demokratische Lager an. Nachdem sich Machthaber Lukaschenko unrechtmäßig zum Wahlsieger erklärt hatte, musste sie das Land verlassen. Sie organisiert seither von Litauen aus die belarussische Opposition.

Tichanowskaja sprang bei der Wahl 2020 für ihren Mann ein, den Präsidentschaftskandidaten Sergej Tichanowskij, der in den Monaten vor der Wahl wegen konstruierter Anschuldigungen verhaftet worden war. Am 21. Juni 2025 wurde Tichanowskij überraschend und sichtlich gezeichnet – er hatte in der Haftzeit fast 60 Kilo abgenommen – freigelassen.

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