Meinung: Ärzte wollen Spaß

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uf den ersten Blick ist alles positiv: Wien erlebt einen Kongress-Boom, der im Rekordjahr 2002 der Bundeshauptstadt einen Umsatz von 273 Millionen Euro brachte. Und die heurige Bilanz soll noch besser ausfallen. Dazu hat Wien aufgerüstet. Mit der neuen Messe Wien gibt es ein attraktives Kongress-Flaggschiff, das Hotel Hilton setzt im Zuge des laufenden Umbaus ebenfalls auf Tagungen und bietet nach der Eröffnung (voraussichtlich im April 2004) zwei große Säle für 1800 Besucher.

Mit neuen Tagungsorten und etablierten Anbietern wie der Hofburg bietet Wien internationalen Kongressteilnehmern eine adäquate Infrastruktur. Doch Zeit, um sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen, gibt es nicht. Denn Kongressbesucher sind besonders wählerisch.

Internationale Gäste kommen nicht deswegen nach Wien, weil Gustav Peichl den Turm am neuen Messegelände entworfen hat. Oder weil die Säle der Hofburg historisches Ambiente vermitteln. Sie wählen ihren Tagungsort nach dem Image einer Stadt - und dem Angebot.

Wenn 25.000 Kardiologen durch Wien ziehen und durch die beschränkten Ladenöffnungszeiten vor verschlossenen Geschäften stehen, wirkt sich das negativ auf das Image der Stadt aus. Auch Ärzte wollen Spaß abseits der Tagungen.

Hier hat Wien eine große Chance verpasst. Im Gegensatz zu Niederösterreich, das die liberalisierten Ladenöffnungszeiten großzügig ausgenutzt hat, beschränkte sich Wien auf ein Minimum. Die Kongress-Szene, die sich in den osteuropäischen Staaten entwickelt, dankt.

Mittelfristig steht Wien vor einem veritablen Problem. Steigert man nicht die Attraktivität der Stadt - und damit die Besucherzahlen - in jenem Umfang, in dem das Angebot gestiegen ist, droht eine Kannibalisierung der Kongresszentren. Wiens Ruf als internationaler Tagungsort wäre beschädigt.

martin.stuhlpfarrer@diepresse.com

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