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ulia S. hat es aus Liebe getan. Der "Presse" sagte sie, dass sie sich sehr darauf freue, mit ihrem Erich die Flitterwochen, genauer gesagt die Flitterwoche, oder zumindest ein einziges "Flitterwochenende" zu verbringen. Man habe ja kein Geld: Sie, Ex-Justizwachebeamtin, derzeit Notstandshilfe-Empfängerin; er, gelernter Koch und Kellner, derzeit wieder Häftling. Aber er, so sagt Julia, werde (nach seiner Entlassung) einen Job finden.
Sie ist ganz schön kitschig, die Geschichte von Julia, die ihren Romeo, Pardon, Erich, versteckte, nachdem dieser aus der Haft geflohen war. Sie hat es aus Liebe getan. Nun wird wohl auch Julia ins Gefängnis müssen. Ihre Strafe, zwei Jahre teilbedingte Haft, ist zwar noch nicht rechtskräftig, aber weder Julia noch ihr Verteidiger erwarten sich eine nennenswerte Strafreduktion, sollten sie den Gang in die Instanz überhaupt antreten.
Wie geht ein Wiener Strafgericht mit dem Stoff um, aus dem Seifenopern gemacht werden? Was tun mit einer schmachtenden Angeklagten, die aus Liebe ihre Freiheit aufs Spiel gesetzt hat ("Ich habe praktisch alles verloren")?
Der Schöffensenat gibt sich betont sachlich. Und tut gut daran. Er vermeidet peinlich, jedweder Gefühlsduselei Raum zu geben. Der Verteidiger erkennt die Zeichen und sagt, noch bevor Julia wegen Amtsmissbrauches verurteilt wird: "Ich will keinen Romantik-Faktor ins Spiel bringen. Liebe ist kein Milderungsgrund." Das nicht. Aber natürlich hätte der Senat in freier Beweiswürdigung auch weniger Strafe verhängen können. Doch "der innere Kampf" (Zitat Julia) der Frau interessiert ihn nicht.
Der Senat lässt sich nicht hineinziehen - in Julias Herz-Schmerz-Geschichte, die selbst "geübten" Prozess-Kiebitzen nahe geht. Die Richter schließen sich dem knochentrockenen Staatsanwalt an, der das Recht des Staates "auf Ausübung des Strafvollzuges verletzt" sieht.
Es soll nicht Schule machen, dass Bewacher mit Häftlingen intim werden. Wiewohl der "gelockerte Vollzug" ein taugliches Instrument der Resozialisierung ist, soll niemand ermuntert werden, die Haft so locker aufzufassen, wie Julia und ihr wegen Vermögensdelikten verurteilter Erich. Bei aller Liebe: Gut, dass das Gericht den Romantik-Faktor ausgegrenzt hat.
manfred.seeh@diepresse.com