Protektorats-Ökonomie mitten in Europa

Das Kosovo ist zur Zeit das wirkliche Armenhaus Europas.

WIEN. Gemeinhin gilt Albanien als das Armenhaus Europas. Verglichen mit dem Kosovo sind die Skipetaren aber gar nicht so schlecht dran, liegt doch die Kaufkraft im Kosovo noch um 40 Prozent niedriger. Laut Schätzung des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) macht das Pro-Kopf-Einkommen - berechnet nach Kaufkraftparitäten - jährlich 2700 Dollar aus.

Ein großer Teil der Wirtschaftsleistung wird aber nicht im Inland produziert: Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes (BIP) stammt aus Überweisungen von im Ausland arbeitenden Kosovaren. Genaue Zahlen gibt es nicht, die letzte verläßliche Volkszählung liegt 22 Jahre zurück. Aber der WIIW-Ökonom Mario Holzner schätzt, daß 400.000 der zwei Millionen Kosovaren im Ausland leben. Jeder Haushalt bezieht rund 2500 Euro jährlich aus Überweisungen.

Das Kosovo ist eine typische Protektorats-Wirtschaft: 1999 hat die UN-Einheit Unmik die Regierungsgeschäfte übernommen, alle ehemals staatlichen Betriebe werden von ihr kontrolliert. Die Wirtschaft ist zudem völlig abhängig von den Hilfen der internationalen Staatengemeinschaft: Im Vorjahr machten die offiziellen Zahlungen 52 Prozent des BIP aus. Die Helfer ziehen sich aber nun, drei Jahre nach dem Ende der Kampfhandlungen, langsam zurück. Heuer werden die Transferzahlungen laut WIIW auf 37 Prozent des BIP sinken, 2004 auf 23 Prozent.

Das hat nicht nur Konsequenzen für die Staatsfinanzen und bringt ein Absinken des Wirtschaftswachstums von elf Prozent im Jahr 2001 auf 4,5 Prozent heuer, sondern belastet auch den Arbeitsmarkt. Allein 2002 wurden rund 3000 der bei den internationalen Organisationen angestellten 50.000 Kosovaren entlassen. Und das bei einer Arbeitslosenquote, die bei rund 50 Prozent liegt.

Holzner bemerkt aber Zeichen einer Erholung - auch abseits der Großprojekte zum Wiederaufbau. Vor allem der private Dienstleistungssektor floriert, und auch in der Maschinen- und der Lebensmittelindustrie geht es langsam aufwärts. Die ausländischen Direktinvestitionen sind bisher sehr niedrig, sollten aber durch die heuer beginnende Privatisierungen steigen. Unter den Hammer kommen Projekte wie der Minenkomplex in Trepca, die Brauerei Pec oder das Grand Hotel Pristina.

Eine der wesentlichsten Vorbedingungen für den Aufbau einer eigenständig Wirtschaft ist in Holzners Augen die Etablierung einer Staatsautorität. Neben der Klärung des endgültigen Rechtsstatus des Kosovo ist dazu ein Mentalitätswandel der Menschen erforderlich. Geprägt durch lange Erfahrungen stünden die meisten Kosovaren Behörden sehr skeptisch gegenüber, meint Holzner.

Die schwache Akzeptanz der Zentralgewalt hat zur Folge, daß sich Mafia-Strukturen und Schwarzmärkte gebildet haben und sich hartnäckig halten. Laut Schätzungen ist die Hälfte des Benzins geschmuggelt. Die Treibstoffpreise zählen übrigens zu den niedrigsten in Europa: Im fünf Kilometer breiten Niemandsland zwischen Kosovo und Serbien bzw. Montenegro ist der Liter Sprit um 50 Cent zu bekommen, ein Liter Diesel um 40 Cent.

Die Unmik versucht gegenzusteuern: Um die Steuerbasis auszuweiten, propagiert sie die Eintragung von Unternehmen in das Firmenregister - etwa dadurch, daß die Registrierung mit der Gewährung von Telefonanschlüssen durch die Unmik-kontrollierte PTK verknüpft wird.

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