Balkan blutet intellektuell aus

Die südosteuropäischen Staaten müssen tatenlos zusehen, wie ihnen ihre Spitzenkräfte davonlaufen.

ALPBACH. "Der Brain Drain ist eines der signifikantesten Charakteristika der südosteuropäischen Länder", meinte Michael Daxner (Universität Oldenburg) Ende der Vorwoche bei den Alpbacher Technologiegesprächen. Besonders schlimm sei die Abwanderung hoch qualifizierter Forscher in Jugoslawien und in Bulgarien, befindet er, aber auch die anderen Länder kämpfen mit Riesenproblemen. In Albanien etwa sind im Laufe der 90er Jahre 40 Prozent der Wissenschaftler emigriert, 63 Prozent der Forscher, die noch da sind, würden gerne längere Zeit oder immer im Ausland arbeiten.

Viele Gründe für das ungebremste intellektuelle Ausbluten liegen auf der Hand: von der endemischen Armut über mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten und schlechte soziale Absicherung bis hin zum Fehlen moderner Geräte. Besonders prekär ist die Situation in Bosnien-Herzegowina: Lag die Forschungsquote (Forschungsausgaben bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt; BIP) vor Kriegsausbruch noch bei respektablen 1,5 Prozent, macht sie derzeit 0,05 Prozent aus - was noch schlimmer wird, wenn man bedenkt, dass das BIP heute um 60 Prozent kleiner ist als im Jahr 1990.

Zu den wirtschaftlichen und sozialen Faktoren kommen noch psychologische: "Je schwieriger es ist, den Käfig zu verlassen, desto mehr scheinen die Menschen darauf erpicht, genau das zu tun und niemals wiederzukommen", bemerkt Lamija Tanovic, im bosnischen Außenministerium für Forschungs-Kooperation zuständig.

"Bosnien ist ein Forscher-Paradies - für Anthropologen und Soziologen."

Lamija Tanovic, bosnisches

AußenministeriumMobilität ist an sich nichts schlechtes. "Sie ist der effektivste Weg der Ausbildung und der Verbreitung von Wissen", so Niko Herakovic, Unterstaatssekretär im slowenischen Bildungsministerium. Allerdings ist die Mobilität am Balkan eine Einbahnstraße, die unter den herrschenden Rahmenbedingungen unumkehrbar scheint. Dies wollen zahlreiche Initiativen ändern. Um den Forschern zu helfen, ist das 6. EU-Forschungsrahmenprogramm für die Balkanländer offen. Erst im Juni hat die EU einen einschlägigen Aktionsplan beschlossen. Die EU stellt auch ihr Marie-Curie-Mobilitätsprogramm in den Dienst des Bremsens der Abwanderung - wobei Europa hier in einer Zwickmühle ist: Zum einen ist klar, dass die Balkanländer ihr intellektuelles Potenzial zum Wiederaufbau dringend brauchen, zum anderen aber wird im Westen der Forschermangel immer drückender, weshalb in vielen Ländern Spitzenkräfte aus dem Osten mit offenen Armen aufgenommen werden. Allzu große Hoffnungen, durch Investitionen in die Wissenschaft eine neue Dynamik in den Aufbauprozess zu bringen, macht sich selbst EU-Forschungskommissar Busquin nicht: "Wunder sollten wir keine erwarten", meinte er Ende Juni bei der Präsentation der EU-Aktivitäten.

So schlimm die Situation auch sein mag: In einem Punkt - wenn auch einem sehr traurigen - ist gerade Bosnien-Herzegowina ein "Paradies" für Forscher, bemerkt Tanovic: nämlich für Anthropologen und Sozialwissenschaftler, die in der Erforschung des Geschehens nach dem Krieg ein reiches Betätigungsfeld finden.

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