Die böhmischen Landwirte haben die Transformation noch nicht verdaut. Ihnen wird aber großes Potential zugestanden.
WIEN. Die tschechische Landwirtschaft steckt weiterhin in der Krise. Das Produktionsniveau liegt unter dem vom Ende der 90er Jahre, zu viele Bauern konzentrieren sich auf wenig ertragreiche Produkte. Es hapert unter anderem an der Produktivität: Die Erträge auf den Feldern liegen um rund 20 Prozent unter dem EU-Niveau - was unter anderem auf einen Mangel an Dünger zurückzuführen ist. Und um etwa ein Kilogramm Schweinefleisch "herzustellen", sind in Tschechien 4 bis 4,5 Kilogramm Futter erforderlich, in Österreich hingegen nur 2,8 Kilogramm.
Die Reform der Eigentümerstruktur des Landes in mehreren Schritten im Laufe der 90er Jahre hat zu suboptimalen Strukturen geführt: Bei der Restitution ging der Großteil der Ackerflächen vor allem an Menschen, die schon seit Generationen keine Landwirtschaft mehr betreiben. Das Ergebnis: Derzeit sind 92 Prozent des landwirtschaftlichen Bodens zugepachtet. Im EU-Schnitt liegt dieser Anteil bei 40 Prozent. Den Landwirten hilft es nichts, daß der Boden 15 bis 20 mal billiger ist als in der EU. Denn sie sind einem drückenden Kapitalmangel ausgesetzt. Investitionen etwa in den veralteten Maschinenpark oder in Ställe, die EU-Normen genügen, sind nur schwer möglich.
Vom EU-Beitritt erhoffen sich die tschechischen Bauern sehr viel: Nicht nur, daß sie dann leichteren Zugang zu den Märkten bekommen, auch die Förderungen werden sich mehr als verdoppeln.
Extrem schwach ist die tschechische Landwirtschaft auch noch im Marketing. Es gibt derzeit keine gemeinsame Strategie, ob man am Markt als Billiganbieter oder im Qualitätssegment auftreten will. Eine der Folgen dieser Marketingschwäche: In den tschechischen Supermärkten ist von einheimischen Produkten kaum etwas zu sehen, das Angebot ist - außer bei Bier - völlig von ausländischen Konzernen dominiert. Die notwendige verstärkte Ausrichtung auf Produkte mit höherer Wertschöpfung - also vor allem von Tieren - wird allerdings durch die bestehenden Strukturen in der verarbeitenden Industrie erschwert: Vor allem in der Fleisch- und Milchwirtschaft gibt es riesige Überkapazitäten.
"Derzeit sind die Tschechen kein bedeutender Konkurrent für österreichische Bauern", faßt der österreichische Agrarattaché in Prag, Peter Hancvencel, die Situation zusammen. Nachsatz: "Noch nicht." Denn den böhmischen und mährischen Bauern wird mittelfristig ein großes Entwicklungspotential zugestanden. Viele Betriebe seien - auch aufgrund der Größe - gut auf die EU-Erweiterung vorbereitet, meint der tschechische Agrarökonom Tomás Doucha.
Nur in einem Bereich ist Tschechien schon eine wirklich Größe am Markt geworden: bei Fischen. Die Karpfenzucht hat sich allein zwischen 1993 und 1997 verdreifacht. 90 Prozent der deutschen Karpfenimporte kommen aus Tschechien. Und ungefähr jeder dritte österreichischen Weihnachtskarpfen ist in Böhmen aufgewachsen.