Landwirtschaft: "Wir müssen das Denken wegbringen, dass der Osten uninteressant ist"

Die Angst der heimischen Bauern vor der EU-Erweiterung ist der Hoffnung auf neue Chancen im größeren Markt gewichen.

WIEN. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren die österreichischen Bauern an der Vorderfront jener, die Angst vor der EU-Erweiterung hatten. Und auf der anderen Siete der Grenze freuten sich die meisten Landwirte auf den EU-Beitritt, weil ihnen der Anschluss an die europäischen Fördertöpfe eine gedeihliche Zukunft zu versprechen schien.

Doch das Bild hat sich in letzter Zeit ziemlich verändert: Nun herrscht in Osten Skepsis vor, und die heimischen Bauernvertreter können gar nicht genug die neuen Chancen betonen. Landwirtschaftskammer-Präsident Rudolf Schwarzböck sieht der Erweiterung recht gelassen entgegen: "Wir dürfen keine Angst haben, denn wir haben mit unseren hoch entwickelten Agrarprodukten durchaus Vorteile auf den Märkten, die sich nun auftun", sagt er zur "Presse". Freilich: Bei der ersten Verarbeitungsstufe, also der reinen Rohstoff-Produktion bekäme man eine neue Konkurrenz, doch diese müsse im höherwertigen Bereich ausgeglichen werden.

Vieles der österreichischen Angst freilich liegt in den Köpfen: "Wir müssen aus unserem Denken wegbringen, der Osten ist uninteressant, weil sich die Leute nichts leisten können", sagt Schwarzböck. Und er strahlt großes Selbstbewusstsein aus: "Vor dem EU-Beitritt hat uns niemand zugetraut, in Deutschland oder in Italien zu punkten - aber wir haben das geschafft."

In den Nachbarstaaten ist die anfängliche Zuversicht hingegen ziemlich rasch gesunken: Spätestens als klar war, dass die Ost-Bauern erst nach einer zehnjährigen Übergangszeit die vollen Fördermittel aus Brüssel bekommen werden, wurde ihnen das ganze Ausmaß des Schlamassels, in dem sie sich befinden, bewusst.

Deutlich sichtbar ist das in Ungarn: Die Agrarstruktur ist überhaupt nicht auf eine Konkurrenz auf den Märkten eingerichtet: 1200 Großbauern bewirtschaften die Hälfte des Agrarlandes, fast eine Millionen Kleinstbauern wirtschaften praktisch nur für ihren Eigenbedarf. Es fehlen jene mittlere Betriebe, die flexibel am Markt agieren können. Auch wird einer der wichtigsten Sektoren künftig in arge Probleme kommen: Die Schweinezüchter verlieren ihre staatlichen Zuschüsse - dieser Bereich ist ja einer der wenigen, für die die EU keine Subventionen zahlt.

Den Bauern in den Nachbarländern fehlt es derzeit an vielem, vor allem aber an Know-how und am Geld. Die meisten Betriebe sind völlig veraltet und bräuchten dringend Investitionen. Da der Boden - ihr einziger Besitz - aber weiterhin sehr billig ist, stehen auch keine ausreichenden Sicherheiten für Investitionskredite zur Verfügung.

Das wiederum hat gravierende Auswirkungen auf die Exportmöglichkeiten: Denn im EU-Binnenmarkt sind - trotz zahlreicher Ausnahmen und Übergangsfristen - im Wesentlichen nur solche Produkte verkehrsfähig, die den sanitären und veterinärmedizinischen Mindeststandards entsprechen. Moderne Stallbauten aber muss man in den mittel- und osteuropäischen Ländern mit der Lupe suchen.

Ein wichtiger Faktor ist jedenfalls - und das gilt nicht nur für Ungarn, sondern auch für die Slowakei oder für Tschechien: Es fehlen schlagkräftige Vermarktungsstrukturen. Die Produkte sind zwar billig, aber sie können nicht in der nötigen Menge und erforderlichen Liefersicherheit an die Abnehmer verkauft werden. So sind etwa ungarische Getreidebauern kaum Konkurrenten für österreichische - noch dazu, wo der Transport über weitere Strecken nicht gerade billig ist.

Mittelfristig allerdings könnten die neuen EU-Mitglieder schlagkräftige Konkurrenten werden. Wenn Ungarn den Strukturumbau geschafft hat - Agrar-Staatssekretär Tibor Szanyi rechnet mit einem Zeitraum von fünf Jahren -, dann können die Ost-Landwirte aber sicherlich punkten: Trotz der erwarteten Lohnsteigerungen werden die Arbeitskosten immer noch niedriger als hierzulande sein, was für so manche Produktgruppe einen Preisvorteil bedeutet.

Damit es nicht so weit kommt, müsse man die Initiative übernehmen und die neuen Chancen nutzen, sagt der oberste österreichische Bauernvertreter Schwarzböck. Nur um die Größenordnung des neuen Marktes zu illustrieren: Im Zwei-Stunden-Umkreis um den Großraum Wien-Pressburg leben neun Millionen Menschen - also so viel wie in Paris.

An möglichen Exportschlagern fallen Schwarzböck gleich mehrere Produktgruppen ein: Von Qualitätswein über hochqualitatives Gemüse bis hin zu Saatgut. "Entscheidend ist, dass wir jetzt unsere Märkte suchen, gerade der Anfang wird entscheidend sein", ist er überzeugt. Denn: "Viele Millionen Menschen sehnen sich nach dem Tag, an dem sie als Konsumenten gleichberechtigt sind."

Die Erweiterung und der dadurch vereinheitlichte Rechtsbestand ermöglicht expansionswilligen Bauern auch, wieder mehr im Osten selbst tätig zu werden. Die Preise für landwirtschaftliche Flächen sind in den Nachbarstaaten - noch - sehr günstig. In Tschechien etwa ist der Grundpreis um den Faktor 15 bis 20 billiger als in Österreich.

Nach Auskunft der Landwirtschaftskammer sind derzeit "einige hundert" österreichische Betriebe im Osten tätig. Einen großen Boom gab es dabei in den frühen 90er Jahren. Dann flachte sich das Wachstum ab: Zum einen schob etwa Ungarn dem Grundverkauf einen Riegel vor; zum anderen aber hat so mancher wieder aufgegeben. Und andere warten eben auf die Integration.

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