Albanien: Der Exportschlager Mensch

Albanien befindet sich am schwierigen Weg in eine europäische Normalität.

TIRANA. Bis 1992 war privater Autobesitz verboten. Heute versinkt Tirana wie jede Großstadt der Welt im täglichen Stau. Nur eines ist anders: Jedes zweite Auto ist ein Mercedes, vom baufälligen Modell bis zum brandneuen - von dem man lieber nicht wissen will, woher es stammt. Auch Fahrschulautos ziert der deutsche Stern.

Wer heute, zwölf Jahre nach dem Ende einer der furchtbarsten Diktaturen der Welt, nach Tirana kommt, ist etwas verwirrt. Die Stadt will dem Klischee nicht so leicht gerecht werden, das man vom ärmsten Staat Europas im Kopf hat. Hat man eine ärmliche Dritte-Welt-Stadt erwartet, so überraschen neu hergerichtete Straßenzüge mit ausgedehnten bunt angemalten Wohnhäusern.

Freilich, im Hinterhof sieht die Sache anders aus - und auch bei der Finanzierung bevorzugen die Albaner einen etwas dunkleren Weg. Die gesamte Bauwirtschaft, der florierendste Wirtschaftszweig des Landes, wird von Schwarzgeld gespeist, wie der Leiter der EU-Delegation, Lutz Salzmann erzählt. Das Geld kommt bar ins Land, und neue Häuser sind die besten Geldwaschmaschinen.

Der Bedarf an neuen Häusern ist jedenfalls da - und zwar doppelt: Zum einen wird die Hälfte des Volkseinkommens im grauen Bereich erwirtschaftet, zum anderen ist die Nachfrage nach Wohnungen enorm. Tirana ist vom einstigen 200.000-Einwohner-Ort zu einer Großstadt mit geschätzt 900.000 Bürgern angewachsen.

"Wir wollen nicht als Problem gesehen werden, sondern als normales Land."

Die Albaner verlassen in Massen die ländlichen Regionen - und wenn man dorthin reist, versteht man auch warum. Denn in den Dörfern wird das Klischee Wirklichkeit: Es gibt kaum eine Straße, auf der man schneller als 25, 30 km/h fahren könnte, bloßfüßige Kinder führen eine Kuh am Strick zum Grasen, der Bauern einziges Arbeitsgerät ist ein Esel.

Nur an einer Sache herrscht kein Mangel: "Das Hauptexportprodukt Albaniens ist der Mensch", sagt Salzmann. Der Massenexodus nach Italien ist zwar seit der Vernichtung der Schlauchboote im Herbst 2002 gestoppt, trotzdem leben eine Million Albaner im Ausland - und schicken gut eine halbe Mrd. Euro oder ein Achtel der Wirtschaftsleistung heim zu ihren Familien.

Das zweimalige Chaos mit bürgerkriegsartigen Zuständen 1992 und 1997 meint man hinter sich zu haben. "Ich würde gerne glauben, dass so etwas heute nicht mehr passieren kann", sagt etwa EU-Minister Sokol Nako. Bevor sich allerdings wirklich alles zum Besseren - sprich: in Richtung EU - wenden kann, müsse das organisierte Verbrechen besiegt werden. 20 Clans kontrollieren das letzte Stück der "Balkanroute", bevor Drogen oder Frauen auf die EU-Märkte kommen. Alle Regierungen seit dem Umbruch waren darin verstrickt, und die Korruption unter den unterbezahlten Beamten - Monatseinkommen unter 200 Euro - tut das ihre dazu.

Die allseits blühende Hoffnung drückt der Journalist Remzi Lani in einem Wunsch - seinem größten - aus: "Wir wollen von der EU nicht als Problem gesehen werden, sondern als normales Land."

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