Die polnischen Forscher leiden unter schwachen staatlichen Budgets und dem Fehlen einer High-Tech-Industrie im Land.
POZNAN. Die polnische Wissenschaft steckt weiterhin in der Krise. Mit einer Forschungsquote (Forschungsausgaben bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt) von derzeit 0,7 Prozent gibt das Land deutlich weniger Geld für künftige Innovationen aus als etwa Tschechien, Ungarn oder Slowenien. Damit aber nicht genug: Die Quote sinkt seit Mitte der 90er Jahre unaufhörlich. Und: Mit einem Verhältnis von staatlichen zu industriellen Forschungsaufwendungen von 2 : 1 weist Polen die ungünstigste Struktur unter allen EU-Beitrittsländern - außer Zypern - auf.
Dabei hat die Regierung ambitionierte Pläne: Bis 2006 soll die Forschungsquote auf immerhin 1,5 Prozent steigen - Österreich will dann bei 2,5 Prozent liegen. Und 60 Prozent davon sollen aus der Wirtschaft kommen. Wie das funktionieren soll, ist allen schleierhaft. Denn die Wirtschaftsstruktur ist alles andere als forschungsfördernd: Zum einen kämpft die polnische Wirtschaftspolitik noch mit den Altlasten der Schwerindustrie, zum anderen helfen auch Auslandsinvestitionen kaum. "Die internationalen Konzerne haben ihre Forschungsabteilungen nicht hier", beklagt der langjährige Rektor der Universität Poznan (Posen), Stefan Jurga gegenüber der "Presse".
Ein gutes Beispiel ist das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline, das im Jahr 1998 den polnischen Marktführer Polfa Poznan übernommen hat. Von den 720 Mitarbeitern sind zwar rund 80 Wissenschaftler, diese arbeiten aber nicht an innovativen Medikamenten, sondern "nur" an der Weiterentwicklung von rezeptfreien Generika und an klinischen Studien. Die Kooperation mit der Universität Poznan beschränkt sich auf die Labor-Technik.
Die Posener Universität - eine der größten und angesehensten in Polen - betreibt aber trotz der widrigen Umstände Technologietransfer, vor allem durch die Gründung von Start-Up-Firmen durch Uni-Forscher. Deren Branchen-Ausrichtung dürfte aber international einzigartig sein. Neben den üblichen Computerfirmen finden sich nämlich auch zwei Archäologie-Unternehmen: eines für die Datierung nach der sogenannten C-14-Methode, eines zur Untersuchung der Funde beim Autobahnbau in der Umgebung.
Jurga meint zudem, einen großen Fisch an der Angel zu haben: Er träumt von einer Fabrik zu Herstellung von "Kohlenstoff-Nanoröhrchen". Das wäre weltweit erst die fünfte Produktionsstätte - mit einem gigantischen Marktpotenzial: Derzeit ist die Nachfrage nach diesem Halbleiter-Material zehnmal höher als das Angebot.