Die Nervosität österreichischer Bauern vor der neuen Konkurrenz aus Ungarn ist unbegründet, meint Staatssekretär Szanyi.
WIEN. "Wir nehmen das als Mahnung". So kommentierte der ungarische Agrar-Staatssekretär Tibor Szanyi bei seinem jüngsten Wien-Besuch die EU-Kritik, dass Ungarn bei der Organisation des Agrarsystems säumig sei. In der Tat: Die Landwirtschaftsverwaltung hat arge Probleme, Reformen wurden nicht zuletzt durch die ständigen Regierungswechsel der vergangenen Jahre stark verzögert.
Nun gibt Ungarn Gas: Kürzlich abgeschlossen wurde die digitale Erfassung der Parzellen (diese ist die Grundlage für die Auszahlung von EU-Subventionen), vor zwei Wochen wurde mit der Registrierung der Bauernhöfe begonnen, schon nächste Woche soll das Förder-Kontrollsystem fertig sein.
Länger als Verwaltungs-Reformen wird freilich die Bereinigung der "dualen" Agrarstruktur dauern: Einerseits gibt es in Ungarn rund zehn Großbetriebe, die 20 Prozent des Ackerlandes bewirtschaften, andererseits gibt es Hunderttausende Kleinstbetriebe, die nur für den Eigenverbrauch produzieren. "Wir haben Extreme auf beiden Seiten, uns fehlt aber die Mittelklasse", so Szanyi.
Wie lange wird das so bleiben? "Wir schätzen, dass wir in fünf Jahren eine normale Struktur haben", hofft er. Diese Übergangszeit ist in Szanyis Augen auch ein wichtiges Argument dafür, dass Nervosität bei Österreichs Bauern nicht abgebracht ist. "Nur die Mittelklasse wäre eine echte Konkurrenz", ist er überzeugt.
Die alte ungarische Streusiedlungs-Mentalität ersteht wieder auf.
Dieser Ansicht stimmen viele Beobachter zu - noch dazu, weil die Übernahme der EU-Agrarpolitik einige Sektoren ins Mark trifft. Der Exportschlager Schweineproduktion wird ab Mai 2004 keine staatlichen Beihilfen mehr bekommen (in der EU ist dieser Sektor einer der wenigen nicht-subventionierten Bereiche). Nach dem EU-Beitritt wird auch der größte Vorteil, die geringen Produktionskosten, schwinden. Dadurch wird es für die Bauern noch schwieriger, das nötige Kapital für die Modernisierung der Betriebe aufzutreiben.
Diese Probleme treffen alle Beitrittsstaaten, doch Ungarn hat laut dem Budapester Kulturökologen Sándor Györi-Nagy eine Besonderheit: Seiner Ansicht nach gab es in Ungarn immer schon eine Art Pendelbewegung zwischen der Bildung von Streusiedlungen - diese Form entspricht der Landschaft und Wasserwirtschaft der Tiefebene - und einer Bevölkerungskonzentration. Immer wieder waren Bauern gezwungen, die flächendeckende Besiedlung aufzugeben, zuletzt unter dem kommunistischen Regime.
Derzeit stellt Györi-Nagy eine Auferstehung der Streusiedlungs-Mentalität fest. Nur eine "klar ausgeprägte Strukturgewalt" würde die Regeneration der alten Bauernmentalität verhindern. Zu den Zwängen zählt er, dass die Bodengesetze die Tradition nicht berücksichtige - und vielmehr den Ausverkauf der Einzelhöfe als Wohnungen begünstige. Da zu den Höfen zehn bis 30 Hektar Grund gehören, könnten Ausländer dadurch das offizielle Bodenkaufverbot umgehen und legal landwirtschaftliche Flächen kaufen. Und zwar gerade jene mittleren Größen, die die Regierung haben will.