Bauwut in den Umlandgemeinden

Die Regionalisierung hat zu einem dramatischen Verlust an landwirtschaftlichen Flächen geführt.

WARSCHAU/WIEN. Die Polen sind bekannt dafür, dass sie das, was sie durch 40 Jahre kommunistische Zentralverwaltung versäumt haben, nach der Wende im Eilzugstempo aufholen. Wie aus einer Studie zweier polnischer Ökonomen hervorgeht, gilt das in hohem Ausmaß auch für den Umgang mit Grund und Boden: Ihren Untersuchungen zufolge sind zwischen 1993 und 2000 in Stadtumlandgemeinden nicht weniger als ein Zehntel der Agrarflächen verschwunden und zum größten Teil in Bauland umgewidmet worden.

Im Detail haben sich die Wissenschaftler zwei Regionen angesehen: Die 45.000-Einwohner-Gemeinde Piaseczno rund um Warschau, und die Gemeinde Stawiguda mit 4700 Seelen nahe der nordostpolnischen Stadt Olsztyn. Vor allem für den boomenden Großraum Warschau sehen sie kein Ende der Entwicklung: Schon bald könnte dort 50 Prozent der ehemaligen Felder mit Häusern und Straßen verbaut sein.

Den unmittelbaren Auslöser für diesen Trend sehen die Forscher in einer Reihe von Gesetzesänderungen, mit denen die Gemeinden im Laufe der 90er Jahre mehr Kompetenzen bekamen - was diese exzessiv nutzten: Sie sahen darin eine Möglichkeit, finanzkräftige Städter anzulocken und mehr Kapitalkraft und mittelfristig mehr arbeitsplatzschaffende Unternehmen in ihre Region zu ziehen.

Die Entwicklung bestätigt die Erwartungen der Bürgermeister: In Stawiguda ist die Zahl der Unternehmen bezogen auf 1000 Einwohner zwischen 1996 und 1999 um 16 Prozent gestiegen - deutlich mehr als im Zentralort Olsztyn; in Piaseczno stieg die Zahl der Firmen zwar weniger stark als in Warschau, aber immer noch um stolze acht Prozent. Die Gemeinden konnten dadurch deutlich höhere Einnahmen lukrieren. Während etwa die Steuererträge aus der Landwirtschaft zwischen 1994 und 2000 nur auf das Dreifache stiegen, wuchsen jene aus Immobilien auf das Siebenfache.

Gegenstimmen zu der Zerstörung der traditionellen Kulturlandschaft gibt es kaum - vor allem deshalb, weil alle Beteiligten von der massenhaften Umwandlung von Agrar- zu Bauland profitieren: Die Bauern auf der einen Seite können durch den Grund-Verkauf das 200-fache (!) ihres jährlichen Ernteertrages lukrieren. Und die Nicht-Landwirte in den Gemeinden haben die - meist berechtigte - Hoffnung, dass durch die Expansion der Siedlungsflächen die Infrastruktur besser wird.

Bedenken wegen Landschaftszerstörung und höherer Umweltbelastung haben laut den Umfragen der beiden Ökonomen die wenigsten Bewohner - im ländlichen Stawiguda noch weniger als im Hauptstadt-nahen Piaseczno.

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