Welchen Sinn erfüllt ein Kartell, das längst die Kontrolle über die Preise verloren hat?
Das gewaltige Medienspektakel bei den Treffen der Ölminister der elf Opec-Mitgliedsstaaten mag über ein Faktum nicht mehr hinwegtäuschen: Das einst so mächtige Kartell steckt in einer tiefen Krise. Und zwar in einer Sinn-Krise. Wie tief die Opec von dieser bereits erfasst wurde, lässt sich insbesondere an der Tagesordnung der gestrigen Zusammenkunft der Minister in Wien ablesen. So wurde ernsthaft überlegt, die von den Mitgliedern festgelegten Förderquoten angesichts der an der Kippe stehenden Weltwirtschaft aufzuheben.
Dass sich die Opec letztlich nicht zu diesem radikalen Schritt durchringen konnte, liegt in der Natur der Sache. Ist die Regulierung der täglichen Öl-Produktion doch das einzige effektive Instrumentarium, das dem Kartell zur Steuerung der Ölpreise zur Verfügung steht. Und die Kontrolle der Preise ist wiederum der ureigenste Zweck eines Kartells. Mit dem freiwilligen Verzicht auf die einzige wirksame Waffe hätte sich die Opec somit selbst öffentlich ad absurdum geführt.
Die gestrige Grundsatzentscheidung ändert aber nichts daran, dass die Opec die Preise ohnehin schon lange nicht mehr im Griff hat. Im Zuge der Streiks in Venezuela, der extremen Witterungsverhältnisse in Nordamerika und der Angst vor dem Krieg im Irak schnalzten die Notierungen in den vergangenen Wochen bis an die 40 Dollar-Marke hinauf, also weit über die von der Opec angestrebten Höchstgrenze von 28 Dollar je Barrel.
Bei den hohen Ölpreisen ließen insbesondere die finanzschwachen Opec-Mitglieder Quoten Quoten sein: Sie verzichteten auf das einzige, was ein Kartell am Leben hält - Disziplin - und ließen ihre Anlagen auf Anschlag laufen. Was zur Folge hat, dass bis auf Saudiarabien die Förderkapazitäten aller Opec-Staaten voll ausgelastet sind. Womit eine Freigabe der Fördermengen zum Leerlauf geworden wäre. Die Kartell-Brüder haben sich also auf nichts anderes als die Einhaltung von toten Quoten geeinigt.