Gespaltene ÖBB-Zunge

E
s ist schon ärgerlich genug, dass je der Österreicher jährlich 525 Euro für die ÖBB zahlt, ohne auch nur einen Meter mit der Bahn zu fahren. Doppelt ärgerlich ist aber das Sommer-Theater, das uns nun über die - längst überfällige und keineswegs triviale - ÖBB-Reform geboten wird: nämlich das aus Indianer-Kindertagen bekannte Prinzip der gespaltenen Zunge. In den letzten Tagen wurde Staatssekretär Helmut Kukacka gleich zwei mal von Minister Hubert Gorbach "zurückgepfiffen": bei Kukackas Aussage, überflüssige ÖBB-Mitarbeiter per Frühpension abzubauen, und nach seiner Konkursansage für die ÖBB.

Dass viele Köche den Brei verderben, weiß man nur zu gut. Genau das passiert aber jetzt: Anstatt in aller Ruhe eine die Zukunft der Bahn sichernde Lösung auszuarbeiten - wobei sich Gorbach und Kukacka im Grundsatz einig sind - beschäftigt man sich öffentlich mit spitzfindigen Was-wäre-wenn-Spielchen. Dabei überkommt einen das Gefühl, dass die Kommunikation zwischen Minister und Staatssekretär, vornehm ausgedrückt, verbesserungsfähig ist.

Und diese mangelnde Abstimmung offenbart einen Konflikt, der dem aufmerksamen Beobachter bekannt vorkommen dürfte: nämlich ein Gerangel um Kompetenzen. Schon nach der Regierungsbildung war die Arbeitsaufteilung zwischen Gorbach und Kukacka lange umstritten, und erst nach einigen Wochen überließ der Minister seinem Staatssekretär die ÖBB-Reform. Im "Presse"-Gespräch hat Gorbach erst kürzlich angekündigt, selbst wieder das Heft bei der ÖBB in die Hand nehmen zu wollen. Er habe Kukacka die Agenden nur vorübergehend übertragen, um bei der Organisation seines Hauses und bei der Transitfrage die Hände frei zu haben.

Für ein solches politisches Spiel sind die ÖBB aber zu schade. Immerhin ist das Unternehmen der größte Betrieb des Landes. Und es ist trotz allem Teil der österreichischen Identität.

martin.kugler@diepresse.com

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