Lohnverzicht für mehr Freizeit ist wieder "out"

Wissenschaftler registrieren eine Trendumkehr: Mehr arbeiten und dafür auch mehr Geld verdienen, ist wieder gefragt.

WIEN. Zeit ist Geld, heißt ein altes Sprichwort. In der Arbeitswelt stellen jedoch Zeit und Geld verschiedene Einstellungen dar. In den neunziger Jahren sprachen sich immer mehr Berufstätige für mehr Freizeit aus, dafür waren sie auch bereit, einen Teil des Einkommens zu opfern. Noch im April meinte Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien: "Das Ende des Industriezeitalters ist ein Faktum." Grund für diese Annahme: Eine Untersuchung hatte ergeben, dass den jungen Menschen Freizeit (69 Prozent) wichtiger ist als der Beruf (59 Prozent).

Drei Monate später heißt es nun in einer neuen Untersuchung, die Zellmann gemeinsam mit seinem Hamburger Kollegen Horst W. Opaschowski vom BAT Freizeit-Forschungsinstitut durchgeführt hat: "Um mehr zu verdienen ist fast jeder Vierte bereit, die tägliche Arbeitszeit gelegentlich auf bis zu zehn Stunden zu verlängern."

Es geht also ums Geld. Auch wenn - vor allem den jungen Berufstätigen - die Freizeit wichtig ist, für mehr Geld sind immer mehr bereit, länger zu arbeiten. Konnten sich im Jahr 2000 nur 15 Prozent vorstellen, häufig am Wochenende zu arbeiten, sind es 2003 bereits 20 Prozent. Den 10-Stundentag konnten sich vor drei Jahren 14 Prozent der Befragten Österreicher vorstellen, heute sind es 18 Prozent.

"Das ist die zeitgemäße Antwort der Arbeitnehmer aus Angst vor Wohlstandsverlust."

Horst W. Opaschowski

Aber auch die Zahl jener, die über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten wollen, nimmt zu. Waren vor drei Jahren fünf Prozent der Beschäftigten dazu bereit, so sind es derzeit acht Prozent. Bei den Freiberuflern und Selbstständigen wollen sogar elf Prozent, bei den Beamten immerhin neun Prozent den Beruf auch jenseits der 65 ausüben. Insgesamt tendierten 52 Prozent der Befragten zu mehr Leistung und Entlohnung, 48 Prozent ist Lebensqualität wichtiger als Geld. Im Jahr 2000 war das Verhältnis noch 50:50.

Der Hamburger Opaschowski sieht die jüngste Entwicklung "vor dem aktuellen Hintergrund der Konjunkturkrise". Er meint: "Das ist die zeitgemäße Antwort der Arbeitnehmer aus Angst vor Wohlstandsverlust."

In einigen Punkten unterscheiden sich die österreichischen von den deutschen Zahlen. So wollen 42 Prozent der befragten Österreicher ihre Arbeitszeit "flexibler und individueller" gestalten. In Deutschland sind es 37 Prozent. Unterschiede sind zwischen Frauen und Männern festzustellen. Während Frauen mehrheitlich (51 Prozent) Zeit wichtiger ist als Geld, sprachen sich 55 Prozent der befragten Männer fürs Geld aus. Es wurden 1000 Österreicher und 2000 Deutsche befragt.

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