Grundig, Ankerbrot, Augarten Porzellan. Wiener Groß- und Traditionsunternehmen sperren reihenweise zu. Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Wirtschaftsexperten orten eine Verlagerung der Produktion ins Umland.
WIEN. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Stadt und der Bund mehr geholfen hätten, Augarten Porzellan zu verkaufen", sagte Martin Plattner, Geschäftsführer des Wiener Traditionsunternehmens am Donnerstag, einen Tag nach dem Konkursantrag. Plattner meint, man hätte ja etwa Botschaften mit Augarten Porzellan bestücken können. Man hätte bei Staatsbesuchen noch mehr Augarten Porzellan verschenken sollen.
Augarten-Porzellan 285-jährige Tradition und jetzt ein Scherbenhaufen Und Grundig-Fernsehapparate? Ankerbrot-Gugelhupf? Und Leberaufstrich von Inzersdorfer? Der Konkurs der Porzellanmanufaktur ist nämlich nur das letzte Glied einer langen Kette an Firmenzusammenbrüchen in Wien. Die Insolvenzen von Ankerbrot und Grundig Austria sorgten in der jüngsten Vergangenheit für Schlagzeilen. Allein bei Grundig verloren 800 Mitarbeiter ihren Job, von den mehr als 2000 Ankerbrot-Beschäftigten wurden vorerst 300 zur Kündigung angemeldet.
Inzersdorfer strich 150 Jobs und verlagert den Produktionsstandort nach Oberösterreich. Industriekonzerne wie Ericsson, Siemens, Alcatel, Philips oder Unilever bauten in der Bundeshauptstadt Wien seit den neunziger Jahren insgesamt mehr als 8000 Arbeitsplätze ab.
Was läuft schief am Wirtschaftsstandort Wien? "Die Absiedlung hat Gründe", sagt Ökonom Bernhard Felderer. Firmenneugründungen geschehen nicht mehr innerhalb der Stadtgrenzen, alte Produktionsstandorte werden aufgegeben und verlagert, betont der Chef des Instituts für Höhere Studien. Bodenpreise und Verkehrsanbindung seien im Umland attraktiver. Fazit: Der Speckgürtel wächst. "Für den Großraum Wien herrscht sogar eine sehr positive Entwicklung", betont Felderer.
Davon kann sich die Wiener Stadtregierung vorerst wenig abschneiden. Die aktuellsten Arbeitsmarktdaten sprechen für Wien eine deutliche Sprache. Ende Juni waren 75.000 Wiener arbeitslos gemeldet, das ist mehr als ein Drittel aller Arbeitslosen im gesamten Bundesgebiet. Die Wiener Arbeitslosenquote lag bei 8,9 Prozent und somit weit über dem Bundesdurchschnitt von 5,8 Prozent.
Im Vergleich zum Juni 2002 ist in Wien die Arbeitslosigkeit im vergangenen Monat um 8,2 Prozent gewachsen. Dramatisch ist die Situation bei den 15- bis 25-Jährigen. Bei den Jungen stieg die Arbeitslosigkeit im Jahresvergleich um 16,5 Prozent. Für 950 Lehrlinge standen im Juni 100 offene Lehrstellen zur Verfügung. Während die Zahl der Lehrstellensuchenden um 41 Prozent zunahm, sanken die offenen Lehrstellen um beachtliche 27 Prozent.
Großen Einfluss auf die hohe Arbeitslosenzahl in Wien habe der Aufnahmestopp im öffentlichen Bereich, betont der Chef des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF), Bernd Rießland. Keine Region sei davon mehr betroffen als Wien, meint der Wirtschaftsexperte.
Und die Bundeshauptstadt ist in diesem Bereich nicht nur von den Maßnahmen des Bundes abhängig. Denn für die Gemeinde Wien allein sind rund 60.000 Magistrats-Bedienstete tätig. Finanzstadtrat Sepp Rieder und die regierende Rathaus-SPÖ haben deshalb längst einen Personalsparkurs eingeleitet.
Verschlingen doch die Personalkosten für die mehr als 100.000 Magistrats-Mitarbeiter, Landeslehrer, Gemeindebediensteten und Pensionisten rund 40 Prozent der Budget-Ausgaben (etwa zehn Millionen Euro im Jahr). Die Tendenz der Personalkosten ist noch immer leicht steigend, womit Rieder immer weniger Spielraum für Investitionen im Stadthaushalt findet.
Überquert man die Wiener Stadtgrenzen, so schaut die Lage gleich viel besser aus. In Krems baut der US-Pharmakonzern Baxter, südlich von Wien sorgt die Magna-Zentrale in Oberwaltersdorf für wirtschaftliche Impulse. Rund um Wien wachsen Technologiezentren aus dem Boden. Jüngstes Projekt: In Straßhof (Bezirk Gänserndorf) nur knapp zehn Kilometer östlich von Wien entsteht ein gigantischer Technologiepark. Mit seinen 140 Hektar ist er fast dreimal so groß wie die SCS. Projektentwickler Alfred Supersberger wählte den Standort, weil dort in naher Zukunft die Nordautobahn (A 5) vorbeiführen wird und weil die Grundstückspreise derzeit extrem günstig sind.
"Grundsätzlich hat Wien ähnliche Probleme wie andere Großstädte", betont Peter Mayerhofer vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Der Experte für Regionalwirtschaft und Stadtökonomie meint, dass die schwache Konjunktur die Stadt Wien in jüngster Zeit stärker getroffen habe als andere Regionen.
Noch im ersten Halbjahr 2002 habe Wien die Konjunkturflaute im EU-Raum weniger gespürt. "Weil die Wiener Exportwirtschaft stärker auf Ost- und Südosteuropa ausgerichtet ist", meint Mayerhofer. Nun habe der starke Euro diesen Vorteil in einen Nachteil umgewandelt. Der Export bricht ein.
WWFF-Chef Rießland setzt auf einen "Umstrukturierungsprozess". Denn: "Produktionen wie TV-Geräte bei Grundig sind in einer Großstadt nicht zu halten", sagt er. Die Zauberwörter lauten IT und Bio-Technologie. So wurde im Vorjahr in Wien-Floridsdorf der größte Klima-Windkanal der Welt eröffnet. 130 Arbeitsplätze sollen entstehen. Der deutsche Pharma-Riese Boehringer Ingelheim will bis Mitte 2005 in Wien 300 neue Arbeitsplätze schaffen. Opel steckt in das Werk in Aspern 340 Mill. Euro und sichert somit nachhaltig mehr als 2000 Arbeitsplätze.
Noch vor wenigen Jahren waren Aussagen, wie sie Rießland heute unumwunden ausspricht, unmöglich gewesen. Im Juli 1996 unterbrach der damalige SP-Bundeskanzler Franz Vranitzky seinen Kärnten-Urlaub, um im Semperit-Werk in Traiskirchen die Arbeitsplätze zu "retten". Über die öffentlichen Gelder, die zur Arbeitsplatzsicherung zugeschossen wurden, freuten sich vor allem die Aktionäre des deutschen Continental-Konzern. Zur selben Zeit forderte übrigens in den USA der damalige Präsident Bill Clinton: "Jeder Zwölfjährige soll sich ins Internet einwählen können."
Mittlerweile sind Wiens Jugendliche firm, was die Nutzung der neuen Medien betrifft. In der Auswahl der Lehrberufe hat sich aber seit Jahrzehnten nichts geändert. Noch immer lässt sich ein Viertel der jungen Frauen zur Friseurin ausbilden, bei den Burschen zählt Mechaniker wie eh und je zum unangefochtenen Lehrberuf Nummer eins.
Was Wirtschaftsexperten als Ausbildungsmanko erachten, ist aus soziologischer Sicht wiederum verständlich. In unsicheren Zeiten tendieren Menschen noch mehr dazu, "sichere Berufe" zu erlernen. Dass jemand arbeitslos gemeldet ist, heißt schließlich nicht, dass er keine Arbeit hat.
Erst im Juni prognostizierte der Linzer Volkswirt Friedrich Schneider, dass die Schwarzarbeit in Österreich doppelt so stark steigt wie die "normale" Wirtschaft. Den Pfusch beziffert er mit 22,5 Mrd. Euro. Das sind um 3,2 Prozent mehr als 2002.
Um der Schwarzarbeit auf den Wiener Baustellen Herr zu werden, war nun sogar eine Gesetzesänderung im Rahmen des Budgetbegleitgesetzes notwendig. Grund: Derzeit machen die Beamten der KIAB (Kontrolle illegaler Ausländerbeschäftigung) Jagd nach ausländischen Schwarzarbeitern. Immer öfter treffen die Fahnder jedoch Österreicher an, die pfuschen und nebenbei Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe kassieren. Bisher sind den KIAB-Leuten jedoch die Hände gebunden. Sie dürfen nämlich derzeit - streng nach dem Gesetz - nur Ausländer kontrollieren . . .
Geht es Wien nun schlechter als vergleichbaren Städten wie Berlin oder München? "Wir stehen im Vergleich mit anderen Großstädten nicht schlechter da", meint Wifo-Experte Mayerhofer. Im Gegenteil: Verglichen mit Berlin weise Wien ein höheres Wirtschaftswachstum und eine bessere Wertschöpfung auf. Nur die Beschäftigungsentwicklung könne mit anderen Städten nicht mithalten, berichtet Wirtschaftsforscher Mayerhofer und findet dafür sofort eine positive Erklärung: "In Wien gibt es offensichtlich eine höhere Produktivität."