Die Eisenbahner arbeiten frühestens am Freitag wieder, der Postbus fährt schon heute. Falls sich die Regierung nicht bewegt, kündigen Gewerk- schafter weitere Streiks an - und zwar in saftig-fundamentalem Ton.
Eine Sitzung der ÖBB-Streikleitung gleicht der Hofhaltung eines absolutistischen Herrschers: Gewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl trägt seine Mitteilungen und griffigen Botschaften vor, die bereits wenige Stunden nach Streikbeginn ziemlich ermüdet wirkenden Mitstreiter nicken beifällig, erheben nicht ihre Stimme, wirken schlicht als Statisten. Nur wenn es an die Basis der gewerkschaftlichen Ideologie samt der zugehörigen Sprache geht, dann brandet Begeisterung auf. So geschehen am Mittwoch, als sich im Anschluss an die Streikleitungssitzung Postbus-Gewerkschafter Robert Wurm samt ungefähr 50-köpfigen Anhang zur Haberzettl-Pressekonferenz gesellte.
"Die Politik will arbeitende Menschen gegen arbeitende Menschen ausspielen", sagte Wurm. Und weiter: "Wenn sich die Brüder der bürgerlichen Firmenchefs zusammenschließen, dann ist es nur legitim, dass wir das auch tun. Deshalb schließen wir uns für 24 Stunden unserem großen Bruder an und zeigen Solidarität. Freundschaft, Willi".
Diese ist aber nicht vollständig: Erstens machen die Vorarlberger Busfahrer den Streik überhaupt nicht mit - diese würden sofort ihren Arbeitsplatz verlieren, weil der Vorarlberger Verkehrsverbund nur Monatsverträge für die Linien abschließt -; und zweitens beendet der Postbus wie geplant nach 24 Stunden, also Donnerstag, null Uhr, den Ausstand.
Die Eisenbahner streiken jedenfalls länger. Wie lange, will Haberzettl weiterhin nicht verraten. "Es gibt die Möglichkeit, dass wir am Freitag den Streik beenden, weil wir die Wochenpendler nicht behindern wollen; aber es gibt auch die Möglichkeit, dass wir weiter streiken", so der Eisenbahner-Gewerkschafter. Falls die Bahn über das Wochenende wirklich fährt, dann könnte der Streik nächste Woche weitergehen. Direkt aussprechen und sich dadurch in die Karten schauen lassen will Haberzettl aber nicht. Er sagt nur: "Es gibt nach dem Sonntag einen Montag, und nach dem Montag einen Dienstag."
Wurm schließt sich dieser Argumentation an: "Wenn wir kein Gehör finden, dann werden wir einen weiteren Arbeitskampf überlegen." Nachsatz: "Wir lernen." Der Postbus wehrt sich, wie berichtet, gegen die Privatisierung von einem Drittel des Postbusses, nachdem dieser mit dem Bahnbus verschmolzen wird. "Wir werden es nicht zulassen, dass sich die Freunde von Minister Gorbach aussuchen dürfen, welche Linien sie kaufen", so Wurm.
Haberzettl kann diesen saftigen Tönen natürlich nicht nachstehen und zieht gegen die Regierungspläne für die ÖBB-Reform gehörig vom Leder. "Die Regierung beginnt nun, nur mehr mit Privilegien zu argumentieren. Über die Schweinereien die, bei der ÖBB neu geschehen, will sie aber nicht diskutieren", ärgert er sich. Zudem breche die Regierung laufend das geltende ÖBB-Gesetz, laut dem dienstrechtliche Fragen nur zwischen Management und Gewerkschaft verhandelt werden.
Recht schnell greift die spezifische ÖBB- und Postbus-Debatte auch auf andere Bereiche aus. "Es muss klar sein, dass unter dem Deckmantel ÖBB eine gesellschaftspolitische Diskussion über Liberalisierung und Privatisierung geführt wird", sagt Haberzettl. Und Wurm meint: "Normalerweise müssten die Zeitungen fünf Zentimeter dick sein, wenn alles berichtet würde, was da an Schweinereien passiert - wie bei der Voest oder bei Böhler-Uddeholm."
In einem Punkt nehmen die Eisenbahner jedenfalls Rücksicht auf die Bedürfnisse der Österreicher - wenn schon nicht auf die der Kunden. Sechs Container, die am Mittwoch auf dem Wiener Nordwest-Bahnhof gestrandet waren, wurden auf Lkw verladen. Deren Inhalt: der Fernsehwastl für den Musikantenstadl am Samstag in Salzburg. Haberzettl: "Damit ist die mediale Unterhaltung am Wochenende gesichert."