Die russische Forschungslandschaft bietet seit dem politischen Umbruch ein Bild des Jammers. Eine Erholung ist nicht wirklich in Sicht.
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inst zählte die Sowjetunion zu den in novativsten Ländern der Welt und konnte in der Forschung mit den USA mithalten. Zum Beispiel in der Raumfahrt, wo russische Technologen des öfteren den nordamerikanischen voraus waren - wie etwa beim ersten bemannten Flug ins All. Heute leben die knapp eine Million russischen Wissenschaftler allerdings in einem Jammertal - und trotz politischer Absichtserklärungen ist keine wirkliche Besserung in Sicht. Eine der Folgen ist, dass laut einer Schätzung des renommierten russischen "Institute for the Economy in Transition" (IET) das Innovationsniveau nur ein Zehntel dessen der alten Sowjetunion und nur ein Zwanzigstel des westlichen ausmacht.
Nur einige Zahlen, die die Misere beschreiben: Lagen die Forschungsausgaben in den 80er Jahren noch bei drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, ist die Forschungsquote nun auf ein Zehntel dieses internationalen Spitzenwertes abgesackt. Allein zwischen 1999 und 2001 hat sich der Anteil an innovativen Firmen auf 3,1 Prozent halbiert. Und der Anteil der Forschungsausgaben am staatlichen Budget ist von 1,79 Prozent im Jahr 2001 auf 1,55 Prozent im Vorjahr gesunken - trotz des Regierungsziels einer Steigerung auf vier Prozent bis 2010.
Die Gehälter der Forscher wurden im Vorjahr um das bis zu Fünffache gesteigert, ein Grundgehalt von monatlich 1500 Rubel (43 Euro) ist für einen frisch gebackenen Doktor allerdings nicht gerade motivierend. Die Folge: Der "Brain-Drain", also die Abwanderung hoch qualifizierter junger Forscher in den Westen, hält unvermindert an. Nur jeder zehnte junge Wissenschaftler, der zur Weiterbildung ins Ausland geht, kehrt wieder zurück. Als Hauptprofiteur des russischen Exodus gelten übrigens die USA, wo weit über drei Viertel der Doktoranden mittlerweile aus dem Ausland stammen.
Hauptprofiteure des russischen Forscher-Exodus sind die USA.
Von 130.000 Jungakademikern kommen gerade 3000 bis 4000 in den Genuss staatlicher Unterstützung. Ergo ist die Wissenschaft stark überaltert, nur zwölf Prozent der Forscher sind jünger als 40 Jahre. Unter den etablierten Wissenschaftlern hat sich mittlerweile eine Art Pendel-Migration etabliert: Sie gehen für drei Monate im Jahr ins Ausland, wo ihnen moderne Apparate für Experimente zur Verfügung stehen, den Rest des Jahres arbeiten sie daheim an Theorien.
Die Liste der Probleme, die das IET anführt, ist lang. Ungeklärt sind etwa Fragen des Patentrechts - was dazu führt, dass Forscher ihre Resultate lieber im Ausland verwerten. Es gibt bei den Forschungsstätten kaum Wohnraum für Wissenschaftler. Und: Nicht unumstritten ist die nun beschlossene Prioritätenliste: Die Regierung verfolgt nämlich weiterhin einen sehr breiten Ansatz mit 52 Schlüsseltechnologien: von der Militärforschung über die Raumfahrt bis zur Ökologie. Um diese - reichlich unscharfe - Priorisierung durchsetzen zu können, fehlen zudem die finanziellen Mittel.
Die Struktur der Forschungsfinanzierung ist gelinde gesagt ungesund. Aus der Wirtschaft kamen im Jahr 2001 nur 16,4 Prozent der Mittel, 17 Prozent strömten aus dem Ausland herein. Der überwiegende Rest, also zwei Drittel der Forschungsgelder, stammen von der öffentlichen Hand. Zum Vergleich: In der EU gilt derzeit ein Staatsanteil von einem Drittel als optimal.
Im Keller ist zudem der Risikokapital-Sektor, der wegen der staatlichen Budgetnöte umso wichtiger wäre. Nur ein Beispiel: Bei einer Venture-Messe in St. Petersburg unter den Auspizien der Europäischen Bank für Wiederaufbau (EBRD) kam im Herbst 2002 kein einziges Projekt zu Stande. Wie in Finnland oder Israel ist nun eine Risikokapital-Gesellschaft geplant, an der sich der Staat mit zehn bis 20 Prozent beteiligt. Budgetiert dafür sind ist eine Mrd. Rubel.
Kleine Fortschritte gibt es bei einem Programm, in dem sich Städte zu "Naukograds", zu Städten der Wissenschaft, erklären können - und zwar nach dem erfolgreichen Vorbild der einst so erfolgreichen Forscher-Städte wie Akademgorodok. Im Vorjahr haben sich 70 Städte dafür interessiert, nur drei wurden bisher aber offiziell anerkannt. Diese Orte können jährlich mit Subventionen von 250 bis 300 Mill. Rubel rechnen - was allerdings nur ein Drittel des ursprünglich berechneten Förderbedarfs ist.