Um 200 Mill. Euro erforscht die EU, ob man CO2 zumindest vorübergehend entsorgen kann.
WIEN. Den Gedanken gibt es zumindest seit 1977. Cesare Marchetti, Physiker am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg, hat damals vorgeschlagen, Kohlendioxid (CO2) mit einer Pipeline bei Gibraltar zu versenken, von wo es durch die Strömung in die Tiefen des Atlantiks verfrachtet würde. Was sich damals ziemlich exotisch angehört hat, hat heute durch die Verpflichtungen, CO2 einzusparen, wieder Aktualität erhalten.
Das Einblasen des Gases ins Meer hat derzeit zwar keine Priorität - zu unklar sind die längerfristige Verteilung des CO2 im Wasser sowie die ökologischen Folgen -, doch weltweit arbeiten Forscher ernsthaft dran, das Gas durch Einbringen in die Erde zumindest vorübergehend loszuwerden.
Erst Ende Juni hat die EU ein Partnerschaftsabkommen mit den USA und anderen Staaten abgeschlossen und sich dem "Führungsforum für Kohlenstoff-Sequestrierung" angeschlossen. Laut EU-Forschungskommissar Philippe Busquin sollen in den nächsten Jahren 200 Mill. Euro in derartige Forschungsprojekte fließen, die als Ergänzung zu Einsparungsmaßnahmen den CO2-Gehalt der Atmosphäre reduzieren könnten. Die derzeit bekannten Verfahren sind recht teuer - was vor allem am ersten Schritt des Prozesses liegt: der Abtrennung des CO2 aus den Abgasen. Die herkömmlichen Verfahren wie die Adsorption des Gases an Chemikalien oder die Gastrennung mittels Membranen macht bis zu drei Viertel der Gesamtkosten aus.
Beim Einbringen des Treibhausgases in die Erde gibt es hingegen schon einige Bereiche, die technisch und wirtschaftlich machbar sind - und auch eingesetzt werden. Am wichtigsten ist dabei zur Zeit das Einblasen von CO2 in Erdölfelder. Das geschieht primär dazu, um die Rückgewinnung des Erdöls zu verbessern und dadurch die Ausbeute zu erhöhen. Vor allem in den USA wird dieses Verfahren in vielen Ölfeldern angewandt, jährlich verschwinden dadurch 32 Mill. Tonnen CO2 aus der Atmosphäre.
Eine andere Variante der "CO2-Sequestrierung" ist das Einbringen des Gases in Kohleflöze, die an sich zwar nicht abbauwürdig sind, in denen aber große Mengen Erdgas gespeichert sind. Durch den Austausch der gasförmigen Phase mit CO2 könnte dieses Methan gewonnen werden.
Auch bei der Erdgasgewinnung kann es wirtschaftlich sein, CO2 in die Erde zu blasen. Das wird seit 1996 etwa in Norwegen praktiziert, und zwar bei einem Gasfeld, das neun Prozent Kohlendioxid enthält. Vor dem Verkauf muss der CO2-Gehalt aber auf 2,5 Prozent reduziert werden. Würde die Energiegesellschaft das abgetrennte Treibhaushas nicht in in die Erde zurückführen, müsste sie eine CO2-Abgabe von derzeit 38 Dollar je Tonne an den Staat abführen.
Bei all diesen Varianten der CO2-Sequestrierung steht immer der Zusatznutzen im Vordergrund. Um die Methode aber auch zur reinen Entsorgung des Treibhausgases nutzen zu können, müssen die Kosten radikal gesenkt werden. Zu lösen sind noch viele weitere Fragen. Etwa: Wie dicht sind die Lager unter der Erde auf lange Frist? Oder: Kann man auch ausgebeutete Salzlagerstätten zur Speicherung von CO2 nutzen?
Allein in den USA - die ja dem Kyoto-Abkommen nicht beigetreten sind und deshalb auch keinen Zwang zu einer CO2-Reduktion haben - steht den Forschern ein Budget von 40 Mill. Dollar zur Verfügung, Tendenz steigend. Eine der Hauptrichtungen der Forschung ist die Herstellung von Wasserstoff, dem mutmaßlich wichtigsten Energieträger der Post-Erdöl-Ära, aus Erdgas - wobei das entstehende CO2 gleich an Ort und Stelle "vernichtet" wird.
Umweltschützer sind ob derartiger Pläne erzürnt. Denn die Konzentration auf die Entsorgung des "Abfalls" CO2 gefährde Maßnahmen, diesen zu vermeiden.