Biomasse-Technologie wird immer besser, die Kosten der Erzeugung von Bio-Strom sinken dadurch zusehends. Finnlands E-Versorgung setzt schon zu einem Viertel auf Ökostrom.
HELSINKI/KOPENHAGEN. In dem 40 Meter hohen und 24 Meter breiten Kessel zirkulieren nicht weniger als 200 Tonnen heißer Sand, um aus Biomasse gewaltige Mengen an Energie zu gewinnen. Der riesige Wirbelschicht-Ofen in Pietarsaari, 500 Kilometer nördlich von Helsinki, ist das Kernstück des weltgrößten Biomassekraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung: Aus stündlich 1000 Kubikmetern Biomasse werden dort elektrische Energie, Prozeßwärme für die angrenzende Holzindustrie der Steyrermühl-Mutter UPM-Kymmene und Fernwärme für die nahe 20.000-Einwohner-Stadt gewonnen.
Ausgelegt ist das Kraftwerk auf eine thermische Leistung von 550 Megawatt (MW), der Generator - der von der österreichischen VA Tech produziert wurde - liefert 240 MW Strom. Selbst für finnische Verhältnisse, wo seit Jahren immer größere Biomasse-Kraftwerke entstehen, ist Pietarsaari eine Anlage der Superlative. Knapp ein Viertel des finnischen Stroms wird mittlerweile aus Biomasse produziert.
Günstige Großkraftwerke
Beheizt wird das gigantische Werk zum einen mit Holz-Schnitzeln, die aus Abfällen der Holzindustrie, immer mehr aber aus Energiewäldern stammen, zum anderen mit Torf. Dieses Abbauprodukt aus den ausgedehnten Mooren - mit neun Mill. Hektar mehr als die österreichische Staatsfläche - gilt in Finnland als "langsam erneuerbarer Brennstoff".
Die Gestehungskosten des Bio-Stroms sind ein gutgehütetes Geheimnis. Auf beharrliches Nachfragen gibt Kraftwerkschef Stig Nickull aber doch einen Anhaltspunkt: Bei einem Strompreis auf der skandinavischen Strombörse von zwei Cent je Kilowattstunde (kWh) - diese Marke wurde im Vorjahr wegen des Wassermangels in Schweden überschritten - läuft das Kraftwerk auf Vollast. Produziert wird in Pietarsaari nur dann, wenn die acht Eigentümer den Strom, der ihnen zu Selbstkostenpreisen angeboten wird, auch wirklich abnehmen. In der aktuellen Strom-Mangelsituation und wegen des kältebedingten Allzeithochs im Stromverbrauch - der Preis ist mittlerweile auf über zehn Cent je kWh gestiegen - ist die Stromproduktion derzeit höchst profitabel.
Berechnungen der finnischen Technologieagentur Tekes zufolge liegen die Produktionskosten von Bio-Strom bei Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen mit einer Leistung von fünf Megawatt bei vier Cent je kWh. Das sind um rund 20 Prozent mehr als bei Erdgas-Kraftwerken. Bei Anlagen in der Größenordnung von 100 MW dreht sich das Verhältnis den Studien zufolge um: Der Gestehungspreis für ein mit Holz und Torf befeuertes Kraftwerk ist mit 1,7 Cent je kWh um gut ein Drittel billiger als bei einer Erdgasanlage und um um ein Fünftel billiger als in einem Kohlekraftwerk.
In Österreich, wo man von Anlagen dieser Größenordnung nur träumen kann - die mit einer Leistung von 31 MW größte wurde kürzlich in Lienz eröffnet -, liegen die Gestehungskosten für Bio-Strom deutlich höher. Im Österreichischen Biomasseverband geht man bei einer Fünf-MW-Anlage mit Kosten von rund zehn Cent je kWh aus. Auf diesem Niveau bewegen sich auch die seit Jahresbeginn gültigen Einspeistarife in das Stromnetz.
Gefördert wird der Bio-Strom in Finnland - das seinen Strommarkt bereits in den 90er Jahren vollständig liberalisiert hat - vor allem durch eine Steuerrückvergütung für die Produzenten in der Höhe von 0,45 Cent je kWh. Daneben laufen noch großangelegte Forschungsprogramme zur Förderung der Biomasse, an denen sich die Forstwirtschaft und holzverarbeitende Industrie intensiv beteiligt. Das derzeit laufende Programm zur Verbesserung der Hackschnitzel-Verwertung zum Beispiel ist mit 35 Mill. Euro dotiert.
Die Ergebnisse derartiger Programme sind für die Praxis extrem wichtig - auch für das Kraftwerk in Pietarsaari. Dort ist einer der wichtigsten Holzquellen mittlerweile der sogenannte "Schlagabraum" - also jene Reste, die nach der Holzernte in den Wäldern zurückbleiben.
Nutzung von Holzabfällen
Äste und kleinere Bäume werden dabei von einem mobilen High-Tech-Gerät, dem Schlagabraum-Bündler, zu kompakten "Würsten" gebündelt, die wie Holzstämme aus dem Wald transportiert werden. Rund 20 dieser je 400.000 Euro teuren Geräte hat die Herstellerfirma Timberjack bisher verkauft, im Frühjahr soll auch ein Versuch in Salzburg stattfinden. Richtig lohnend ist das Gerät aber offenbar nur in ausgedehnten Kahlschlägen: Dort produziert die Maschine pro Stunde bis zu 30 Bündel, jedes davon ersetzt rund 100 Liter Öl.
Die Technologie zur Biomasse-Verwertung im industriellen Maßstab macht derzeit in ganz Skandinavien riesige Fortschritte: In der Nähe der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, in Avedøre, ist im Vorjahr das weltgrößte Stroh-Kraftwerk (Leistung: 40 MW) in Betrieb gegangen. Zu Strom und Fernwärme werden dort jährlich 150.000 der eine halbe Tonne schweren Strohballen verheizt, die aus dem Umkreis von 100 Kilometern angeliefert werden. Täglich sind das 65 Lkw Stroh.
Um die hohen Transportkosten von bis zu 30 Prozent des Wertes zu vermindern, baut die Stromgesellschaft Energi E2 derzeit eine Stroh-Pelletierungs-Anlage. Die Pellets können großtechnisch wie Kohle verheizt werden, man erspart sich dabei so manchen Abgasreinigungsschritt.
Derzeit entstehen in Dänemark auf Forderungen der Politik hinauf eine Reihe von Großkraftwerken: Die Verstromung von Holz wird bis 2005 verachtfacht, bei Stroh mehr als verdoppelt.
Vom Stroh zum Strom
Der extrem hohe Strompreis in Skandinavien treibt in Sachen Biomasse übrigens seltsame Blüten: Weil der aktuelle Preis an der Strombörse über den dänischen Einspeistarifen liegt, wird derzeit kaum Biomasse verstromt.
Die Energiegewinnung aus Stroh hat auch in Österreich ein gewisses Potential: Die Stadt Wien prüft derzeit den Bau eines 70-Megawatt-Kraftwerkes, noch heuer könnte dabei eine Entscheidung fallen.