Die gemeinsame Behandlung von Klärschlamm und Abfall kann das Müllvolumen deutlich reduzieren - und liefert dabei einen erneuerbaren Energieträger.
Die Vergärung von Bio-Müll wird in der Abfallwirtschaft immer wichtiger
WIEN. Wenn ihnen die Sauerstoffzufuhr abgedreht wird, dann stellen viele Mikroorganismen von der Atmung auf einen Gärungsprozess um, um trotzdem ihren Energiebedarf decken zu können. Darauf beruhen zum Beispiel die alkoholische Gärung im Weinkeller oder die Milchsäuregärung bei der Herstellung von Joghurt. Aber nicht nur Brauer und Molker machen sich diese faszinierende Eigenschaft des Lebendigen zu Nutze: Auch in der Abfall- und Energietechnik werden derartige "anaerobe" - also in Abwesenheit von Sauerstoff ablaufende - Prozesse immer wichtiger.
Schon seit langem wird in Kläranlagen der Klärschlamm, der bei der Abwasserreinigung anfällt, in von der Luft abgeschlossenen Faultürmen behandelt. Dabei bauen die Bakterien zwei Drittel der organischen Substanz ab, stabilisieren dadurch das Material - und produzieren dabei Biogas, das energetisch verwertet wird. Genau dieser Prozess könnte in der Abfallwirtschaft der Zukunft eine zentrale Rolle spielen.
Mit in Kraft treten der EU-Deponieverordnung ab 2004 darf kein Müll mehr deponiert werden, der nicht zuvor behandelt wurde: entweder thermisch oder biologisch. Verpackungsmüll, der rund ein Viertel des Müllbergs ausmacht, kann ohne großen Aufwand verbrannt werden. Ein Problem gibt es aber mit biologisch abbaubarem Abfall, der zumindest die Hälfte des Müllanfalls ausmacht - denn das bevorzugte Verfahren, die Kompostierung, dauert sehr lang. Zudem ist der Müll meist zu feucht dafür und enthält zu wenig Faseranteil.
Die Idee ist nun, den Inhalt der Biotonnen zu vergären - und zwar idealerweise gemeinsam mit Klärschlamm in den vorhandenen Faultürmen der Kläranlagen ("Kofermentation"). In Europa gibt es derzeit rund 50 derartiger Anlagen, die mehr oder weniger gut funktionieren. Derzeit überlegt auch die Stadt Wien, dadurch ihr künftiges Müllproblem in den Griff zu bekommen.
Sehr aktiv bei der Weiterentwicklung der anaeroben Vergärung ist das Interuniversitäres Forschungsinstitut für Agrarbiotechnologie (IFA) in Tulln, eine gemeinsame Einrichtung Wiener Universitäten. So gut man den Prozess auch theoretisch versteht, so schwierig ist aber seine Steuerung in der Praxis. Viele Details, vom richtigen Mischungsverhältnis der verschiedenen Abfallfraktionen bis hin zur Temperatur-Führung, müssen noch optimiert werden. Verwertet können dabei jedenfalls auch so heikle Abfälle wie Altfette oder sehr flüssige organische Industrieabfälle.
Die Tullner Forscher widmen sich aber auch einer Reihe von Spezialproblemen bei der Entsorgung von Bio-Abfall. So wird etwa die Gülle der Instituts-eigenen 100 Kühe zusammen mit pharmazeutischen Proteinabfällen entsorgt - wobei das anfallende Biogas zur Warmwasserbereitung im IFA genutzt wird. Und für die oberösterreichische Tierkörperverwertung wurde ein Verfahren zur anaeroben Vergärung von Schlachtabfällen entwickelt. Neben der sauberen Gewinnung eines Energieträgers könnte dieser Prozess auch einen Ausweg aus der Herstellung von Tiermehl bieten - das ja sehr wahrscheinlich der Überträger der Rinderseuche BSE ist.