Charles Wessner, Technologie-Chef der US-National Academy of Sciences, hält den europäischen Weg einer Bündelung der Forschung für kontraproduktiv.
Die wichtigste Lektion der bisher erfolgreichen ameri kanischen Innovationspolitik lautet: nicht ,mehr Koordinierung', sondern ,konstruktive Verwirrung'". Diese Aussage des Technologie-Direktors der US-Behörde National Academy of Science, Charles Wessner klingt für europäische Ohren ketzerisch - ruft doch derzeit auf dieser Seite des Atlantiks praktisch jedermann nach einer stärkeren Bündelung der Forschungsanstrengungen. Und zwar mit dem Ziel, die USA in Sachen Technologie einzuholen. Bildhaft formuliert hört sich Wessners These so an: "Die Forschung sollte wie eine Jazz-Band funktionieren und nicht wie ein Symphonie-Orchester."
Seine Argumentation hat einiges für sich. Aus dem Grundgedanken heraus, dass künftige Innovationen grundsätzlich nicht vorhersehbar sind, folge, dass nur eine Vielzahl an verschiedenen Aktivitäten, Agenturen oder Programmen für Erfolg sorgen können. "Früher dachte ich auch, dass die USA ein Wissenschaftsministerium brauchen würden. Heute weiß ich aber, dass es so besser ist", sagt der ehemalige Berater von Ex-Präsident Bill Clinton.
Viel wichtiger als Koordinierung und Harmonisierung ist für Wessner die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen, in denen innovative Unternehmen florieren können. Das gelte vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMU): "Bezogen auf die Zahl der Mitarbeiter werden in diesen Firmen 14 mal mehr Patente geschaffen als in großen Unternehmen", betont er. Und: "60 bis 80 Prozent der neuen Arbeitsplätze entstehen in KMU." Als treffsicherste Art einer allgemeinen Forschungsförderung für KMU erachtet Wessner übrigens nicht Steuererleichterungen, sondern gut dotierte Preise für innovative Unternehmen.
Die Forschungspolitik - sowohl in den USA als auch im Rest der Welt - ist in Wessners Augen von vielen Mythen durchzogen, die einer Überprüfung nicht standhalten. Am krassesten ist für ihn der Mythos des "linearen Modells" der Innovation. "Es entspricht nicht der Wahrheit, dass es einen einfachen Weg von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung und Entwicklung bis zur Kommerzialisierung neuer Produkte gibt", so Wessner. Zwischen allen Stufen gebe es nämlich ständig Rückkopplungen - und diese seien absolut nicht planbar.
Ein weiterer Mythos - der immer wieder für die USA geltend gemacht wird - sind "Spin-Offs" aus der militärischen Forschung. "Das hat in den 50er Jahren gestimmt, mit der Entwicklung etwa der Boeing-Flugzeuge gab es damals auch Anwendungen für Hausfrauen", so der Experte. Heute aber sei es häufig sogar umgekehrt: Ergebnisse der zivilen Industrie fänden zunehmend Anwendung im Militär.
Ein Mythos sei es zudem, dass in den USA im Gegensatz zu Europa die Risikokapital-Märkte funktionieren würden: Seit dem Höhepunkt Anfang 2000 fallen die Investitionen von Venture-Capital-Gebern seit nunmehr zwölf Quartalen in Folge. Der grundsätzlich mangelhafte Informationsfluss zwischen Kapitalgesellschaft und Forschern führe unter anderem dazu, dass die Venture-Kapital-Geber ein Herdenverhalten an den Tag legen. Zudem würden sie sich vor allem auf spätere Phasen der Firmenentwicklung fokussieren. Die Finanzierung früher Phasen, in denen der Kapitaleinsatz noch sehr risikoreich ist, hängt deshalb weiterhin in der Luft. Wessner spricht von einem "Tal des Todes" zwischen der Grundlagenforschung und Produktentwicklung.
Gerade für diese Phase sei der Staat aufgerufen, aktiv zu sein. Die USA haben dazu zwei große Programme installiert: das mit 1,6 Mrd. Dollar dotierte "Small Business Innovation Research Programm" (SBIR), das vor allem die Frühphasen-Finanzierung von KMU unterstützt, und das "Advanced Technology Programm" (ATP), das in bestimmten Technologien die Partnerschaft zwischen Firmen und Universitäten fördert.