Konjunktur: Japan glaubt an neuen Boom

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wächst derzeit so kräftig wie seit zwei Jahren nicht mehr.

Tokio. Japans Wirtschaft läuft besser als bisher angenommen: Die Tokioter Regierung korrigierte am Mittwoch das Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) für das zweite Quartal um 0,4 Prozentpunkte auf ein Prozent. So stark ist Japans BIP seit 30 Monaten nicht mehr gestiegen. Auf das Gesamtjahr hochgerechnet könnte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt damit um 3,9 Prozent wachsen und somit mehr, als man derzeit sogar den USA zutraut.

Die Nippon AG hätte damit den jahrelangen Marsch durch ihr Jammertal beendet. Vor allem die exportorientierten Großkonzerne glauben wieder an eine gute Zukunft und erhöhten ihre Investitionen zwischen April und Juni statt den bisher geschätzten 1,3 um 4,7 Prozent. Die Computerchip-Industrie will im laufenden Geschäftsjahr sogar 51 Prozent mehr investieren als 2002.

Plötzlich ist wieder Vertrauen da, auch weil es erste ermutigende Anzeichen vom Arbeitsmarkt gibt. Im Juli sank die Zahl der Jobsucher den zweiten Monat in Folge, gegenüber Juni um 100.000. Gleichzeitig wurden 70.000 neue Stellen geschaffen. "Japans Wirtschaft hat die Talsohle zweifelsfrei durchschritten und ist in eine Erholungsphase getreten", erklärt Norihiro Fujito vom Brokerhaus Mitsubishi Securities.

Fast 13 Jahre dümpelte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt richtungslos vor sich hin, immer auf der scharfen Kante zwischen Stagnation und Rezession. Bei Analysten und Fondsmanagern galt es schon als schick, Japan abzuschreiben.

Der jüngste Boom japanischer Aktien wird vor allem damit erklärt, dass japanische Pensionskassen und ausländische Fonds Kapital vor allem von Europa nach Japan schaufeln. Nach Angaben des Finanzministeriums belief sich der Nettozufluss allein im Juli auf umgerechnet rund 30 Mrd. Euro. Ein Drittel davon landete an Tokios Aktienmarkt Kabuto-cho. Dieser Sprit trieb den Börsenindex Nikkei wieder auf 10.000 Punkte, um ein Drittel über das 20-Jahres-Tief im April. Plötzlich erinnert sich die Investmentbank J.P. Morgan, dass es "hier eine ganze Reihe von Weltklasseherstellern gibt".

Diese werden nach Prognosen der führenden Finanzzeitung Nihon Keizai Shimbun regelrechte "Gewinnsprünge" hinlegen. Die 195 wichtigsten Konzerne des fernöstlichen Industriereiches rechnen heuer mit durchschnittlich 23 Prozent höheren Erträgen. Vor allem die Elektronikbranche, wo sich steigende Umsätze bei der digitalen Unterhaltungstechnik mit drastischen Kostensenkungen verbinden, prescht voran. Etwa 44 Prozent Profitzuwachs dieser Branche könnte die Konkurrenz schockieren. Drakonische Einschnitte im Personalbereich, Abbau von unproduktiven Überkapazitäten und Schulden zahlen sich nun offenbar aus. Seit 1994 sanken die Verbindlichkeiten der Unternehmen laut der Schweizer CSFB von 354 Bill. Yen auf aktuell 185 Bill. (1,45 Bill. Euro).

Der Konjunkturhimmel über Japan klärt sich auf, einzig die Notenbank zeigt sich skeptisch. Sie warnt noch immer vor steigender Arbeitslosigkeit, sinkenden Realeinkommen, Deflation und fragilem Finanzsystem.

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