Jürgen Strube, Präsident des europäischen Industriellenverbandes Unice, über die Stolpersteine auf dem Weg zum Lissabon-Ziel der EU.
Europas Wirtschaft beginnt die Aufholjagd gegenüber Amerika in bürokratischen Fesseln
Die Presse: Die EU hat vor drei Jahren mit ihrem Lissabon-Ziel einen Aufholprozess proklamiert, der sich in den Wirtschaftsdaten nirgends widerspiegelt.
Jürgen Strube: Ich halte das Ziel (Europa soll bis 2010 zur stärksten wissensbasierten Wirtschaftsregion der Welt werden, Anm.) weiter für erreichbar, wenngleich bisher viel zu wenig geschehen ist. Freilich unter der Voraussetzung, dass wir uns der vielen Fesseln entledigen, die wir uns selbst anlegen. Europas Wirtschaft ist derzeit in einer Situation wie Gulliver im Reich der Zwerge.
Sie meinen Bürokratie, Überregulierung und so weiter.
Strube: Ja, besonders wichtig wäre aber, die Chancen des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts in den Vordergrund zu stellen. Wir sind zu stark auf die Risken fixiert und erkennen die Chancen erst, wenn sie von anderen schon genutzt sind und wir die Produkte dann importieren, statt sie hier selbst zu erzeugen.
Zum Beispiel. . .
Strube: . . .haben wir in Europa in der Pflanzen-Gentechnologie vorzügliche Grundlagenforschung. Aber wir diskutieren nur Sorgen und Ängste. Die Chancen werden gerade von den USA und China genutzt. Es wäre schade, wenn wir in zehn Jahren erkennen würden, dass auch hier andere auf Basis unserer Grundlagenforschung marktfähige Produkte entwickelt haben.
In den ersten drei Jahren des Lissabon-Prozesses haben wir ja noch nicht einmal begonnen, die Fesseln abzustreifen.
Strube: Nein, Im Gegenteil, wir sind dabei, uns mit dem neuen Chemikaliengesetz zusätzliche Fesseln anzulegen. Das wird ein Testfall.
Wird die Industrie in der europäischen Wirtschaftspolitik ernst genommen?
Strube: Ja, eindeutig. Chirac, Schröder und Blair haben sich unterdessen ja von der Vorstellung verabschiedet, Europa könne ganz ohne Industrie auskommen und auf Dienstleistungsgesellschaft machen. Wir brauchen eine moderne Industriepolitik in Europa - und vieles geht schon in diese Richtung.
Sind da einzelne Staaten beispielgebend?
Strube: Es geht nicht um Einzelstaaten. Es gibt ja keinen Industriebetrieb mehr, der Kapazitäten nur für den nationalen Markt aufbaut. Es geht um den Heimmarkt Europa und wir müssen uns von vielen Vorstellungen lösen. Zum Beispiel von der, dass Lieferungen von Deutschland nach Frankreich Export sind. Das ist spätestens seit der Einführung des Euro nicht mehr das richtige Begreifen des Vorgangs.
Sind Binnenmarkt und Euro ohne politische Strukturen la Vereinigte Staaten von Europa auf Dauer zu machen?
Strube: Ich plädiere zu Vorsicht mit solchen Begriffen, weil sie die Übernahme eines Modells suggerieren, über dessen Passgenauigkeit man lange diskutieren kann. Wir sollten auch nicht das amerikanische Wirtschaftsmodell kopieren, weil Kopien nie das Original übertreffen.