Die "Volksprivatisierung" vor elf Jahren hat die russischen Oligarchen reich gemacht - und liefert jetzt den Vorwand für ihre Verfolgung.
Dem Mann blüht nichts Gutes: Michail Chodorkowski, Oligarch, Multimilliardär, mittlerweile Ex-Chef des russischen Ölkonzerns Yukos und Untersuchungshäftling in Moskau, war Ende Oktober wegen Betrugs und Steuerhinterziehung festgenommen worden. Doch das ist noch lange nicht alles. In Moskau wird fieberhaft nach anderen Delikten gesucht, die man dem Milliardär, dessen politische Ambitionen Präsident Putin gefährlich werden hätten können, anhängen kann. Sergej Mironow, Präsident des russischen Föderationsrates, hat ja schon angedeutet, dass ihn weitere Anklagepunkte "nicht überraschen" würden. Man werde schon etwas finden.
Und man hat dabei die Unterstützung der eigenen Bevölkerung: Viele Russen sehen in Oligarchen wie Chodorkovski Kriminelle, die nicht mit eigener Arbeit, sondern durch trickreiche Übernahmen während der Zeit der Privatisierung, durch Bestechung und durch Bedrohung zu sagenhaftem Reichtum gekommen waren. Dagegen anzugehen ist im Land, in dem der größere Teil der Bevölkerung in Armut lebt, populär.
Was hat also Chodorkowski tatsächlich angestellt? Bisher ist er unbescholten, aber das hat gar nichts zu sagen. Einer der Gründe, warum westliche Firmen beim Einstieg in (teilweise musterhaft geführte) russische Konzerne so vorsichtig sind, ist das Wissen, dass die Justiz jederzeit belastendes Material aus den Schreibtisch holen kann. Denn, wie ein Sprecher des russischen Unternehmerverbandes vor kurzem sagte, "bei den Besonderheiten unserer Privatisierung ist kaum jemand vor dem Gesetz rein geblieben".
Tatsächlich liegt die Basis des märchenhaften Reichtums der Oligarchen ebenso wie jene der jetzigen Justiz-Einsätze gegen die zu mächtig gewordenen Superreichen in der vor ziemlich genau elf Jahren gestarteten sogenannten "Volksprivatisierung" in Russland. Damals sollten 37 Prozent des von der Regierung selbst auf umgerechnet 6000 Mrd. Dollar geschätzten Staatseigentums an Betrieben in Form von Gutscheinen an die 150 Mill. Bürger des Landes übergeben werden. Diese konnten ihre Gutscheine entweder in einem Sonder-Investmentfonds anlegen oder bei einer Privatisierungs-Auktion in Aktien von Betrieben tauschen.
Die Aktion war politisch ein voller Erfolg - sie ermöglichte den unblutigen Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus -, wirtschaftlich aber ein Totalflop. Statt in direkte Beteiligungen zu investieren, wurden die Voucher überwiegend auf dem Schwarzmarkt verkauft. Zu einem Durchschnittspreis von 20 Dollar das Stück. Staatsvermögen im Wert von 2220 Milliarden Dollar wechselte also um lächerliche 1,2 Mrd. Dollar die Besitzer. Wer da aufkaufte, bekam Riesenkonzerne so gut wie geschenkt. Yukos etwa, ein Konzern, der im Vorjahr 700 Mill. Dollar Dividende ausgeschüttet hat, wurde um 350 Mill. Dollar privatisiert.
Nicht wenige, die damals auf dem Voucher-Schwarzmarkt ihre Geschäfte machten, gehören heute zum Kreis der Oligarchen. Viele davon gehörten zum Jelzin-Clan, denn um auf dem Schwarzmarkt mit zu mischen, brauchte man beste politische Verbindungen.
Dass das Zusammenraffen von Konzernen per Schwarzmarkt-Voucherhandel auch andere unschöne Begleiterscheinungen hatte - etwa Bestechung oder Auftragsmorde, die den Oligarchen aber nie konkret nachgewiesen werden konnten -, macht die Sache noch ein Stück unübersichtlicher. Und gibt den Justizbehörden genügend Ansatzpunkte, um gegen missliebige Milliardäre vorzugehen.