Die unflexible Zinspolitik der EZB bringt nicht nur Konjunkturforscher und Wirtschaftspolitiker, sondern zunehmend auch Unternehmenslenker auf die Palme.
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ormell hat der Chef der Euro päischen Zentralbank, Wim Duisenberg, natürlich recht: Die EU-Inflationsrate liegt ziemlich genau beim angepeilten Wert von zwei Prozent, also gibt es keinen Grund, die Zinsen zu senken. Dass Europa unter einer enormen Wachstumsschwäche leidet, dass der Euro wegen der Zinsdifferenz zu den USA eine für die Exportwirtschaft ziemlich unangenehme Stärke erreicht hat, muss ihn nicht kratzen: Die EZB hat ein Inflationsziel anzusteuern - und sonst nichts.
Und der EZB-Chef - wegen seiner Konjunktur bremsenden Zinspolitik von deutschen Zeitungen "Wim der Würger" tituliert - tut dies mit einer Konsequenz, ja Sturheit, für die er wahrscheinlich noch einmal in die Finanzgeschichte eingehen wird. Ein Blick auf die Entwicklung von Konjunktur und Zinsen in den vergangenen Jahren zeigt: Die US-Zinskurve fährt mit einer kleinen Zeitverzögerung der Konjunktur nach. Gehen die Wachstumsraten zurück, sinken die Zinsen. Die Euro-Zinskurve dagegen zeigt auf den ersten Blick wenig Parallelität mit dem Konjunkturverlauf.
Ergebnis: Die US-Leitzinsen sind mit 1,25 Prozent exakt halb so hoch wie die europäischen, dafür sind die US-Wachstumsaussichten doppelt so gut. Das liegt natürlich auch daran, dass die US-Wirtschaft viel flexibler reagieren kann als die zu Tode regulierte europäische. Aber die Zinsen und vor allem die Signale, die von der Notenbank Fed ausgehen, machen eben auch einen nicht unbeträchtlichen Teil aus. Fed-Chef Alan Greenspan hat bereits angedeutet, dass die USA sehr rasch die Notenpresse anwerfen würden, falls echte Deflationsgefahr besteht. In der Eurozone, wo Kernländer wie Deutschland viel näher an der Deflation als an irgendeiner Inflationsgefahr sind, wird das von der Deutschen Bundesbank geerbte strikte Geldmengenziel auch nach der jüngsten (mit einer Lockerung dieses Ziels verbundenen) Strategieänderung der EZB hochgehalten.
Mit der jetzigen Nicht-Änderung des Zinsniveaus hat die EZB jedenfalls entschieden, dem langsam wirtschaftsschädlich werdenden Euro-Höhenflug tatenlos zuzusehen. Schon halten Experten kurzfristig einen Eurokurs von 1,20 Dollar für wahrscheinlich - und das würde eine echte Schmerzgrenze für Exporteure in den Dollarraum überschreiten. Der jüngste Anstieg des Euro hat, so schätzen Experten, allein den zehn größten im DAX vertretenen Unternehmen zehn Mrd. Euro Umsatz gekostet.
Der Ruf aus den Unternehmen für eine Änderung des EZB-Auftrags wird deshalb unüberhörbar lauter. Man möge der EZB doch ein Wachstumsziel nach dem Muster der Fed umhängen, heißt es. Denn von selber werde das EZB-Präsidium in seiner derzeitigen Zusammensetzung wohl nicht mehr flexibel genug werden.