Bei den Jukos-Produktionsstätten in Sibirien zählt nur die tägliche Fördermenge.
Moskau. Auf dem Ölfeld von Priobskoje, dem Herzstück von Jukos, erscheint die Affäre rund um den bedrängten russischen Erdölkonzern weit entfernt. Etliche Flugstunden von Moskau in Westsibirien gelegen, nochmals einige Autofahrstunden über die zugefrorenen Ausläufe des Flusses Ob entlang, vorbei an brennenden Gassäulen - zu dieser Jahreszeit oftmals das einzige Licht, das hinter den endlosen verschneiten Wäldern wie die untergehende Sonne flackert -, gelangt man endlich zur Förderstätte: Hier befindet sich eines der größten Erdölfelder Russlands. Jukos besitzt die Lizenz für den nördlichen Teil mit einer geschätzten Fördermenge von 3,45 Mrd. Barrel Erdöl.
Sein Konzern fördere zur Zeit täglich 40.000 Tonnen des "schwarzen Goldes" aus den Tiefen des Bodens mit modernsten französischen Pumpen, erklärt Viktor Schelesko, Chef dieses Erdölfeldes. Im Jahr 2005 oder 2006 wolle man mit voller Kapazität arbeiten und die jährliche Produktionsmenge von 15 auf 20 bis 25 Mill. Tonnen Rohöl steigern.
Für ihn und seine 6000 Arbeiter, die hier im Schichtbetrieb rund um die Uhr den Rohstoff zu Tage fördern, scheint Moskau ebenso weit weg wie kritische Fragen von Marktanalysten und Investoren über die Zukunft des Erdölriesen nach der Verhaftung des Firmengründers und ehemaligen Chefs Michail Chodorkowskij wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung sowie des Betruges und nach der geplatzten Fusion mit der Nummer 5 der Branche, Sibneft.
Während im Winter eine Straße zu den Erdölfeldern führt, ist man im Sommer, wenn der Fluss Ob große Teile des Gebietes überschwemmt, noch isolierter. Boote und Hubschrauber bringen dann die Arbeiter zu ihren Familien in die Erdölstadt Neftejugansk, etwa 100 Kilometer von den Produktionsstätten entfernt.
Das Erdölfeld Priobskoje, für das Jukos 1994 eine 25jährige Lizenz erhalten hatte, war auch ein Motor des zähen Aufstiegs des Unternehmens zum größten russischen Erdölkonzern. Chodorkowskij erwarb Jukos 1995 im Zuge der umstrittenen und dubiosen Privatisierungen und leitete den Aufstieg des Unternehmens zu einem international ausgerichteten Erdölkonzern mit westlichen Management-Methoden ein.
Beim Priobskoje-Ölfeld will man von Verunsicherung der Arbeiter nichts hören. Er arbeite seit drei Jahren bei Jukos und sei sehr zufrieden, sagt etwa der Ingenieur Aleksej Owtschinnikow, der für Sicherheitsfragen zuständig ist. Die Verhaftung von Chodorkowskij habe keinen Einfluss auf die Arbeiter hier. Er habe den einstigen Jukos-Chef, dessen Untersuchungshaft vor kurzem verlängert wurde, als "ganz normalen Menschen" kennengelernt.
Wer einmal für Jukos arbeite, der bleibe, sagt der Chef Schelesko und verweist auf die großen Investitionen in moderne Technik. Der durchschnittliche Verdienst in der Höhe von 25.000 Rubel (833 Dollar) sei einer besten unter den Ölkonzernen. 100 Mill. Dollar gab Jukos im vergangenen Jahr für soziale Projekte aus. Der Fokus ist auf die Förderung von Bildungsprogrammen gerichtet. Im nächsten Jahr würden diese Ausgaben um 15 Prozent gesteigert, betont Jukos: Dies werde rein aus dem Gewinn bezahlt und vom Staat steuerlich nicht honoriert.
Zumindest in den Erdöl-Gebieten verstehen viele Leute die Jukos-Affäre nicht. Alle Erdölkonzerne seien während der Privatisierungen in den 90er Jahren auf ähnliche Weise entstanden; wenn, dann müssten alle "Oligarchen" verhaftet werden.
Das Vorgehen sei rein politisch motiviert, sagt Aleksej Troschin, Bürgermeister der Erdölstadt Streschewoj in der Tomsker Region. Die lokale Bevölkerung lehne das Vorgehen der Regierung gegen Jukos ab, ärgert sich der Bürgermeister. Dennoch hat er, wie eine Mehrheit der Stadt und sogar wie so mancher Jukos-Mitarbeiter, der Kreml-treuen Partei "Einiges Russland" seine Stimme gegeben.