Die Bioethikkommission hat die nicht so abenteuerliche Aufgabe, Nachdenkpausen zu erzwingen.
Allzu imposant wirkt er nicht, der Tätigkeitsbericht der Bioethikkom mission, die vor zwei Jahren eingerichtet wurde, um, so die offizielle Formulierung, den Bundeskanzler zu beraten. Man darf sogar annehmen, dass auch ohne ihr Wirken in Österreich im fraglichen Zeitraum kein Baby geklont worden wäre.
Immerhin: Österreich zählt heute in der Frage der Forschung an embryonalen Stammzellen europaweit zu den Bremsern. Dazu hat die Kommission beigetragen. Und das ist gut so. Denn Angestellte der biotechnologischen und pharmazeutischen Industrie sind nicht dafür bekannt, ihrer Tätigkeit von selbst Grenzen zu setzen. Eher setzen sie auf Versprechen wie das, dass bald Parkinson und alle anderen Geißeln der Menschheit heilbar würden, ließe man sie nur frei forschen.
Das spricht nicht gegen sie, nicht einmal gegen ihre Aufrichtigkeit: Ohne Euphorie wäre ihnen ihre Arbeit wohl zu mühsam, so toll sind die Gehälter auch in der privaten Forschung nicht.
Der Bioethik kommt die nicht so euphorische Rolle zu, den - an sich wertneutralen - Fortschritt zu bremsen, mit ihrem erhobenen Zeigefinger Nachdenkpausen zu erzwingen. Das gilt wohl nicht nur für die Bioethik, sondern auch für andere Bereiche der praktischen Ethik, wohl auch für die Politik. Um den Antrieb, um die Beschleunigung braucht man sich in der freien Marktwirtschaft keine Sorgen zu machen. Die Illusion, dass die Politik die treibende Kraft sei, ist perdu: Selbst im kleinsten Nest werden heute Wahlredner belächelt, wenn sie Lehrstellen, Arbeitsplätze, Aufschwung etc. versprechen. Und auch der Fortschritt in der Molekularbiologie lässt sich nicht durch salbungsvolle Politiker-Worte katalysieren.
Bleibt die retardierende Funktion, die Überprüfung, ob Resultate des Fortschritts zu dem passen, was wir uns unter Ethik vorstellen. Man kann auch "Menschlichkeit" sagen. Dazu - zumindest einmal im Bereich der Fortpflanzungsmedizin und medizinischen Forschung - eine Kommission einzurichten war keine schlechte Idee. Man mag die behäbige Folge von Sitzungen, Klausurtagungen, Stellungnahmen, Tätigkeitsberichten und wieder Sitzungen belächeln, sie hat vielleicht dazu beigetragen, dass es keine österreichischen Mediziner sind, die bei Kongressen krähen, sie hätten z. B. "Chimären" aus zwei menschlichen Embryonen erzeugt. Die laufen uns nämlich nicht davon, und man muss ihnen auch nicht nachlaufen.