Trojanisches Pferd in Salzburg

"Kunst spricht zum Geist und nicht zu den Augen" (Jean Dubuffet). Auch wenn sie einen Penis zeigt.

Eineinhalb Tonnen Plastilin, alte Kästen und eine ungehörige Portion "Gelatin" sorgten in Salzburg, rechtzeitig zur Eröffnung der Festspiele, für einen Skandal. Mit ihrem "Arc de Triomphe" schaffte es die Künstlergruppe "Gelatin" mit einem so banalen wie anscheinend noch immer bedrohlichen Symbol zum Talk of the town zu werden.

Ein Phallus streckte sich wie ein Zeigefinger den Festspielgästen entgegen. Sex zieht eben, wie pubertär auch immer er aufgetischt wird. Anrüchig wird es in der Kunst meist erst durch die schäumenden Reaktionen, die mehr enttarnen als rechtfertigen. Dieses Spiel zu provozieren, dafür sind Gelatin berühmt, berüchtigt. Und sie reizten die Salzburger Toleranz bis aufs Blut, indem sie den erigierten Penis noch dazu - Hellbrunn lässt grüßen - zum Springbrunnen umfunktionieren. Als Overkill landet der Strahl im Mund des männlichen Plastilin-Ungetüms. "Hier gehen täglich Klosterschwestern vorbei", hieß es und: "Runter damit!"

Wie laut wären die Proteste wohl gewesen, hätte sich eine weibliche Figur so artistisch verrenkt? Wären auch dann Zensoren angerückt? Doch nicht Schere oder Säge wurden gezückt, sondern Bretterwände kaschieren seit Freitag die verunglimpfte Männlichkeit - Salzburg leistet sich ein trojanisches Pferd. Eine willkommene Facette mehr für Gelatin. Ihr Ziel ist erreicht, trotz zur Schau gestellter Empörung über die Ablehnung ihrer Kunst blinzelt diebische Freude durch: "Wir sind gerne in Salzburg!" Na klar. Künstler und Galeristen können sich über gestiegenen Marktwert freuen. Und Agnes Husslein hat es mit ihrer Einladung an Gelatin geschafft, zum Festspiel-Start die bildende Kunst ins Zentrum zu rücken.

Damit auch ihr Museum der Moderne auf dem Mönchsberg, das im Juni 2004 eröffnet werden soll. Unbezahlbare Promotion. Sie würde sich sogar selbst auf die Skulptur setzen, um sie vor Zerstörung zu retten, gab Husslein bekannt. Und ergänzte verschmitzt: "Ich glaube an das Gute und kann mir nicht vorstellen, dass in einer Kunststadt wie Salzburg so etwas passieren wird." Sie habe alle Genehmigungen eingeholt - mündlich allerdings nur.

Mündlich oder schriftlich, es geht der Stadt hier klar um eine inhaltliche Frage. Die Betonung fehlender Genehmigungen wirkt eher lächerlich. Stand am Max-Reinhardt-Platz doch auch 2002 eine ähnlich große Skulptur, die freilich im Festspieltrubel eher unterging. Um es mit Jean Dubuffet zu sagen, den Husslein im Rupertinum ausstellt: "Kunst spricht zum Geist und nicht zu den Augen." Auch wenn sie einen Penis zeigt.

almuth.spiegler@diepresse.com

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