Der Elfenbeinturm zahlt sich aus!

Gerade die industrielle Forschung braucht unabhängige Grundlagenforschung.

Ach ja, die Grundlagenforscher!", seufzen die in der industriellen Forschung Eingespannten gern: "Denen geht's gut! Die forschen, was sie interessiert, in ihrem Elfenbeinturm, während wir . . ." Dieser Neid flackert auf, wann immer darüber diskutiert wird, ob man nicht die Förderungsfonds für industrielle und Grundlagenforschung zusammenlegen könnte. Wie das jetzt Österreichs Infrastrukturminister vorhat. Im Sinne einer besseren Organisation natürlich, wenn nicht gleich: der "Synergie".

In der Empörung, die auch diesmal ausbricht, vibrieren - vor allem seitens der Geisteswissenschaften - viel Pathos, kulturelle Tradition, immaterielle Werte usw. Das rührt die Entscheidungsträger bestenfalls zu Krokodilstränen. Einige Gewitzte, etwa Anton Zeilinger, betonen lieber, wie wichtig durch reine Neugier getriebene ("curiosity-driven") Forschung auch für die Industrie sei, die ja naturgemäß an schnell verwertbaren, nahe liegenden Innovationen interessiert ist, sozusagen mit dem Spatz in der Hand zufrieden ist und die Taube auf dem Dach übersieht. Elektromagnetische Wellen waren anfangs ein kurioses, nur theoretisch reizvolles Gebiet der Physik, heute sind sie Grundlage riesiger Industrien. Wissenschaftliche Revolutionen lassen sich nicht planen.

Aber auch kurzfristig gilt: Auf eine von betriebswirtschaftlichen Interessen unabhängige Grundlagenforschung ist besonders die industrielle Forschung angewiesen. Sie muss auf das von der "Scientific community" kanonisierte Wissen bauen und vertrauen. Gerade in der Genetik und Molekularbiologie: Hier zählen auch die negativen Ergebnisse, die Irrwege, und Firmenforschung wird solche kaum zugeben oder gar publizieren, die Aktionäre würden es ihnen übel lohnen. All die "Gene für eine Krankheit", wo liest man, dass sie's dann doch nicht waren? Wie viele Experimente werden sinnlos wiederholt, weil die wichtigste Tugend der Forschung - die offene Kommunikation - verfällt?

Die führende Zeitschrift "Nature" weiß, warum sie seit neuerdings ihre Autoren nötigt, etwaige "competing financial interests" zu deklarieren: nicht, weil sie solche für unmoralisch hält, sondern weil sie auch die Inhalte der Forschung beeinflussen können. Genau deshalb ist es für ein Land, in dem industrielle Forschung und Industrie florieren sollen, wichtig, penibel auf die Unabhängigkeit der Grundlagenforschung zu achten. Wenn's sein muss, unter einem Dach, aber von Tisch und Bett getrennt.

thomas.kramar@diepresse.com

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