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m Anfang, Ende 1997, war "Wickie, Slime und Paiper", das "Online-Er innerungsalbum für die Kinder der siebziger Jahre", eine geniale Idee von Susanne Pauser und Wolfgang Ritschl, bis heute Trademark für Nostalgie-Clubbings und Retro-Messen, sentimentale Stammtische und Blick-zurück-Panoptika, sogar der ORF ist (spät) darauf gekommen und zahlt wohl brav Lizenzen.
Dann noch einmal die Siebziger: "Faserschmeichler, Fönfrisuren und die Ölkrise", dann die Achtziger: "Neon, Pacman und die Yuppies". Und jetzt warten alle, bis die Devotionalien aus den Neunzigern abgelegen sind . . .
Halt! Da waren ja noch die Sechziger! Und auch damals waren manche jung! So Willy Resetarits und Hans Veigl, die ihr "Lebensgefühl" nun als Buch präsentieren: "Beatles, Bond und Blumenkinder" heißt es, die Dreiheit der Begriffe stimmt immerhin und passt auf das "wichtige Jahrzehnt" (Werbetext).
Warum das so aufgesetzt klingt? Weil es niemand je bezweifelt hat. Nur arme, verspottete Jahrzehnte sind auf Mitleid in Form von Retro-Wellen angewiesen: die Siebziger mit ihrem stumpf gewordenen Silberschmuck, die Achtziger mit ihrem blechernen Selfmade-Man-Pathos, ihre Kinder haben darunter gelitten, dass ihre Zeit nie als goldene Gründerzeit galt. Vor allem in der Leitkultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Popmusik.
Die Beatles brauchen genauso wenig eine Renaissance wie James Bond, sie sind ohnehin sakrosankt. Einzig die ersten Punks zausten 1977 die Sixties-Helden zart; seither wagt niemand, an deren immer währender Blüte zu zweifeln. Die Rolling Stones sind die "Greatest Rock'n'Roll Band on Earth", Punkt, und sind sie (es) nicht mehr, dann erst recht. Wenn derzeit wieder einmal raue Gitarrenbands en vogue sind, versteht es sich von selbst, dass sie sich auf Großväter berufen, die 1964 ihre Testosteron-Schübe hatten. Das Sixties-Revival läuft permanent, keiner muss es ausrufen.
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einlich wird es erst, wenn sich in zehn Jahren die Mittdreißiger fra gen, was denn eigentlich in den neunziger und "Nullerjahren" so an Rezyklierbarem los war. Nun, da hatten wir ein Revival der silbernen Siebziger, kurz die goldenen Zwanziger, Achtziger-Parties, einen Sommer lang Fifties-Nostalgie, Sixties-Retro-Welle sowieso semper et ubique . . . Und sonst? Die Zeit, in der alles schlechter wurde und keiner wusste warum, aber es allen egal war, weil sie damit beschäftigt waren, zu Musik zu tanzen, die modern war, als ihre Eltern jung waren? Klingt nicht nach einer wirklich guten Party.
thomas.kramar@diepresse.com