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in Vormittag ohne Schienen-, ja so gar ohne Schienen-Ersatz-Verkehr ist für ökologisch Sanfte, die vielleicht gerade auf dieser Seite zur Linken Erbauliches über Zwentendorf gelesen haben, kaum erträglich. Damit der Alarmzustand still stehender Räder nicht zum allzu billigen Triumph der Gewerkschafter gerät, soll an dieser Stelle global die Bahn gewürdigt werden, während die dreisten Streikenden und ihre brutalen Kontrahenten mit Nichtbeachtung gestraft seien.
Über das Eisenbahnwesen kursieren seit Jahrhunderten ignoranteste Vorurteile. "Merkt eh keiner, ob die Bahn fährt oder nicht", meinte morgens jemand vorwitzig in unserer Konferenz. Irrtum, Herr Kollege! Die Reisenden hier im Feuilleton wissen, dass das Leben in vollen Zügen ein unentbehrlicher Teil ihres Berufs ist. Es sei so gut wie unmöglich, David Bowie oder Bob Dylan wirklich zu verstehen, wenn man nicht regelmäßig mit der Bahn fahre, sagte der alte Pop-Kritiker. Bowie sei jahrelang nicht geflogen, hingegen sogar mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren - bis Wladiwostok, "Station to station". Man höre den lockenden Lok-Rhythmus bis zu Kraftwerks "Trans-Europa Express". Und Dylans Texte erschlössen sich nur jenem, der des Lesens der Fahrpläne kundig sei.
Wem diese Meinung zu exotisch scheint, der lese, was eine Wiener Kunstkritikerin über die Vorzüge der letzten real existierenden Klassengesellschaft zu sagen hat: "Die Bahn ist die letzte Ruhezone, die mir geblieben ist. Über weite Strecken funktioniert kein Handy. Was für ein Glück! Es gibt Stunden der Muße, außer man hat das Pech, einem Bekannten zu begegnen." Solch Unbill drohe zuweilen. Die Züge seien überfüllt, in den Speisewagen könne man immer seltener flüchten, weil er hierzulande nur noch sparsam eingesetzt werde. Keine Rede vom fashionablen TGV, in dem man sich zwischen Brüssel und Paris die Zeit mit einem kleinen Brunch vertreibt.
B
ahnfahren bildet den Charakter. Es ist ein öffentlicher Raum des Priva ten, wie das Kaffeehaus. Man merkt dort sofort, ob jemand sich noch mit sich selbst beschäftigen kann oder zu den nervösen Trommlern gehört. Man trifft Leser und Landschaftsbetrachter, immer seltener aber soziale Wesen, die einem die Hälfte ihres Wurstbrotes aufdrängen. Welcher Autofahrer zwischen St. Marx und Mödling kann schon mit diesen Erlebnissen mithalten? Die Welt teilt sich nicht in links und rechts, sondern in Bahnfahrer und den Rest, in erste und zweite Klasse.
norbert.mayer@diepresse.com