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ine Hüpfburg für alle" sah die "Presse", und der laienhafte Au genschein im Tanzquartier Wien, bei der Installation "White Bouncy Castle", gab ihr recht. "Luftige Quantenphysik" diagnostizierte indessen ein anderes Blatt - und zitierte den Künstler: "Es gibt ein wunderbares Konzept in der Quantenphysik, die Superposition. Das Castle schafft grundsätzlich eine Superposition."
"Grundsätzlich" ist immer gut. Quantenphysik auch. Dabei ist 76 Jahre nach Erwin Schrödingers Arbeiten, 24 Jahre nach Robert Anton Wilsons geistreichem Trivialroman "Schrödingers Katze" der Reiz der Quantentheorie für künstlerische Installationen, Inventionen oder Interventionen deutlich geschwunden. Als 2001 zu Bob Dylans 60. Geburtstag ein "Musikschriftsteller" die Texte des Meisters mit Hilfe des Welle-Teilchen-Dualismus erklärte, war das schon eine Art Nachruf - auf die Quantenphysik-Metaphern natürlich. Noch vor fünf Jahren kam kaum ein Pressetext, vom Diskurs an und für sich ganz zu schweigen, aus ohne Superposition, Unschärferelation oder literarische Zimmertiger.
Auch die Chaostheorie ist heute schon ziemlich out: Wann haben Sie den letzten seltsamen Attraktor in einer Galerie gesehen? Terrain gewonnen hat dagegen das Vokabular der Genetik: Spätestens seit der Grazer Richard Kriesche seine Gen-Analysen zum "universellen Datenwerk" erklärt hat, wissen wir, dass die Blut- und Basen-Kunst Großes vorhat.
Die Moden wechseln, der elegante Unsinn bleibt: So lange die Kunst mit Nachdruck gescheit sein will, wird sie sich an der Naturwissenschaft bedienen. Denn die ist gescheit, darauf kann sich auch die Postmoderne einigen.
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ie kann nun die Quantenphysik auf ein Kunst-Comeback hoffen? Am ehesten in Kombination mit den Biowissenschaften: Man hört sie schon in den Symposien raunen, die Denker, die das Bewusstsein quantenmechanisch angehen wollen, die Teleportation mit Telepathie verwechseln.
Was uns sicher bleibt, ist der Quantensprung, die Allzweck-Metapher für alle Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Nur nicht im Tanz, dabei wäre er dort gewiss grazil anzusehen. Anregung: mit der Verschränkung kombinieren, zum Pas de deux mécanique quantique! Und wenn sie stolpern, schreibt die Kritik: Eine Wellenfunktion ist kollabiert.
thomas.kramar@diepresse.com