Zu dünne Luft

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ls Buben im Freibad hatten wir den sportlichen Ehrgeiz, möglichst lang unter Wasser zu bleiben. Eine Minute war recht gut, wer mehr als zwei Minuten unten blieb, musste mit Gewalt in die Realität zurück geholt werden. So viel zum Todestrieb von Zwölfjährigen. Damals begeisterten wir uns auch für Tenzing und Hillary, die es an einen Ort geschafft hatten, wo gewöhnlichen Sterblichen die Luft wegbleibt: Auf die Spitze des Chomolungma. Die Todeszone der Achttausender faszinierte uns, es gab harte Diskussionen darüber, welcher der schwierigste Berg sei. Die Innsbrucker in unserer Klasse wussten: Es war der Nanga Parbat, der Hausberg der Tiroler. Ich tendierte eher zum K2.

Irgendwann aber muss man das Bewusstsein eines Zwölfjährigen hinter sich lassen. Irgendwann wird es lächerlich, wenn Riefenstahl und Trenker in surrealen Filmen jodelnd durchs Gelände hüpfen, Kraft aus der Freude des Kraxelns schöpfen. Wovor laufen diese Extremisten eigentlich weg? Arme Narren, die immer höher hinaus wollen! Die Luft auf dem Dach der Welt ist zu dünn. Man sollte es zur Sperrzone erklären. Die Götter des Himalaja haben Ruhe verdient. Niemand soll sie stören. Extrem-Bergsteigen ist sinnlos wie Mond-Landen oder Pol-Bezwingen. Nur Imperien mit obszönen Herrschaftsansprüchen laufen diesen "Erfolgen" nach. Kulturhistorisch ist klar: Der Kluge bleibt im Tal, in der Stadt - der Verlierer wird an den Rand der Welt gedrängt.

Für Tiroler war die Erstbegehung des Everest durch Nicht-Tiroler schmachvoll. Deshalb flüchten sie in die Ausrede, der erste sei jener, der ohne Sauerstoff oben war - also doch ein Tiroler. Nun gut, das ist zu billig. Aber wenigstens war Tenzing ein Sherpa, sozusagen der Tiroler unter den Asiaten. Wenigstens kein Schweizer.

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