Der Kern Europas soll zwischen Paris und Berlin liegen? Da lacht der Mensch in Budapest.
Unlängst haben glorreiche sieben Denker, von Eco bis Muschg, konzertiert in renommierten europäischen Blättern zur Erneuerung des Kontinents aufgerufen. Ihre Variante unions-europäischer Identität gründet vor allem in einem Gegenmodell zur Übermacht USA. Vielleicht ist sie sogar ein wenig von der Sehnsucht nach einem Dritten Weg motiviert, der irgendwo zwischen blankem Kapitalismus und den gescheiterten marxistischen Systemen im Osten Europas angesiedelt ist. Jacques Derrida und Jürgen Habermas, diese aufgeklärten Nationalisten, haben die ihnen gestellte Aufgabe sauber, aber reichlich grob gelöst: Gemeinsam riefen sie in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zur Wiedergeburt Europas auf. Habermas schrieb einen Text, der von Kerneuropa träumt, Derrida assistierte mit seiner Unterschrift. Und was macht diesen Kern aus? Richtig: Der deutsch-französische Geist macht ihn zunächst aus, repräsentiert durch seine nobelsten Vordenker. Schon spüren sie einen Ruck, die Geburt der neuen Öffentlichkeit in Europa.
Aber Leute am Rande schwärmen nicht unbedingt von der Achse Paris/ Berlin. Sie sehen darin vielleicht sogar eine Bedrohung, die sich nur in Nuancen von der US-Hegemonie unterscheidet. Deshalb ist es ein nicht geringer Trost, dass der ungarische Schriftsteller P©ter Esterh¡zy in der "Süddeutschen Zeitung" eine Korrektur zu Habermas-Derrida angebracht hat. Denn wo der Kern Europas liegt, das wissen seit tausend Jahren die Ungarn am besten: Nicht auf dem Lechfeld oder am Ural, sondern irgendwo im Umfeld von Theiss und Donau. Da ist man "mal Ungar, mal Tschechoslowake, mal Sowjetbürger, dann wieder ein ukrainischer Staatsbürger". Dieses Wissen um Vergänglichkeit ist ein wirksames Gegengift gegen deutsch-französische Arroganz.
Esterh¡zy sieht die Erweiterung der EU als Störfaktor für die westeuro päische Harmonie, und das ist gut so. Vielleicht sollten sich die Meisterdenker in nächster Zeit nicht so sehr mit dem mächtigen Komplex Amerika auseinander-, sondern mit den neuen Mitgliedern der EU zusammensetzen, um sich mit ihnen geistig-kulturell bekannt zu machen. Aus Sicht der USA ist das vielleicht Isolationismus. Für Europa aber wäre diese Verinnerlichung dringend nötig. Wir sind sehr verschieden. Und diese Vielfalt ist interessanter als ein philosophisch dürres Kerneuropa.