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enn in Wien dieses Jahr unter Kollegen von der schmucken Hauptstadt Graz die Rede war, so mündete das Gespräch unweigerlich in die eine Frage: Hält sie oder hält sie nicht, die spätbarocke Acconci-Mehrzweck-Insel, die angeblich mit nur einem Seil an der Mur verankert ist? Was, wenn diese Sicherung reißt? Die Pessimisten sahen das neue Wahrzeichen von Graz bereits bei der ersten Flut den Bach hinunter driften, mindestens bis zum Eisernen Tor - nicht jenem in Graz nahe der Stadtpfarrkirche und der Mariensäule samt Lift, sondern irgendwo in Rumänien.
Die Insel im Strom aber hat den Gezeiten Stand gehalten, wenigstens bis zur Bilanzpressekonferenz der Kulturhauptstadt Europas 2003. Und auch diese Bilanz lässt sich sehen. 2.750.000 Besucher bei 6000 Einzelveranstaltungen, 25 Prozent mehr Übernachtungen, und ein ausgeglichenes Budget von rund 56 Millionen Euro. Letzteres beweist, dass Intendant Wolfgang Lorenz nicht nur ein hervorragender Programmplaner, sondern im Grunde ein bescheidener Mann ist. Man sollte deshalb vielleicht auch seine Warnung ernst nehmen, dass die Weiterverwertung von Graz 2003 nicht optimal läuft.
Den Kritikern dieser Leistungsschau kann man sagen: Nur kein Neid. Der Imagegewinn für Graz war enorm. Man mag bemängeln, dass die traditionell hoch angesehene Avantgarde-Literatur der Stadt bei den Festivitäten zu kurz gekommen sei, dass der Jazz in Graz nicht mehr die Bedeutung hat wie vor 20, 30 Jahren. Solches Raunzen ist würdelos. Alles in allem gab es großartige Events, viele Höhepunkte. Es war eben doch eine exzellente Idee des früheren Stadtrates Helmut Strobl, Graz vor gut zehn Jahren ins Rennen um dieses Prestigeobjekt zu schicken. Solche Weitsicht wäre auch heute gefragt.
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as bleibt also? Wie jede Kultur hauptstadt hat auch die von 2003 die Chance genützt, nebenbei ihre Infrastruktur zu verbessern. In Graz boomen die Veranstaltungsorte. Es wird großes Management-Geschick erfordern, diese neuen Hallen dauerhaft zu füllen. Das auffälligste Bleibende ist das Kunsthaus, zu dem man sich nach Jahrzehnten des Zögerns im letzten Moment entschlossen hat. Hält sie? Es ergibt sich ein zwiespältiger Eindruck. Graz bleibt postmodern, signalisiert tapfer die luzide blaue Außenhaut jenseits der Mur. Drinnen aber herrscht Diffuses, wie in einer Tragluft-Tennishalle bei Unterpremstätten, als ob die Kunststätte längst abgedriftet wäre. Doch Kunst braucht Bewegung, und Graz ist oft wider alle Fährnisse ein kreativer Ort.
norbert.mayer@diepresse.com