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elcher unvorbereitete Passant hätte sich vor exakt hundert Jahren in Kitty Hawk, North Carolina, gedacht, dass dieser unbeholfene Hopser, den man ein Ungetüm aus Damenunterwäsche-Stoff, Holz und Metall vollführen sah, in wenigen Generationen zu einem hinterlistigen Bonus-Meilen-System führen würde, das selbst der geübte Vielflieger nicht zu durchblicken im Stande ist?
Ein weiterer Lidschlag der Geschichte nur, und schon wird dem Götzen Fortschritt, der nur in den Kategorien "größer-höher-weiter" denkbar ist, das Bordservice geopfert. Glauben Sie, liebe Leser, keinen Hochglanz-Broschüren, die glückliche Passagiere vortäuschen; es wird nicht bequemer über den Wolken. Dort gilt nur ein Kriterium; ganz egal, wohin man fliegt, Hauptsache, man ist schneller, billiger dort. Der Flieger, das ist das Fegefeuer für die Business-Klasse, der unheimliche Warteraum für die Fun-Gesellschaft, die sich nach Mallorca verfrachten lässt. Meine Urgroßmutter selig aus dem Steinfeld hatte instinktiv schon recht, wenn sie Unheil verkündend vor den knatternden Ungeheuern aus Wiener Neustadt warnte: "Lauft's, Kinder, lauft's, die Leinwand-Maschin' kommt!" Das waren die Vorboten des Ersten Weltkrieges.
Ob die Brüder Orville und Wilbur Wright, diese biederen Fahrrad-Mechaniker aus Dayton, Ohio, bedacht haben, wie viel Verwirrung sie mit ihren Flugversuchen in das kollabierende bürgerliche Zeitalter gebracht haben? Wie viel Nervosität? Ein wenig schon, denn immerhin haben sie ihre Erfindung den Militärs als besonders zweckmäßig feil geboten: Aufklärung könne man mit der Luftfahrt betreiben, vielleicht sogar Bomben-Teppiche legen. Beides ist heute mit Satelliten und "Missiles" so optimiert, dass niemand dem überwachenden, strafenden Blick entgeht.
G
enug der Zivilisationskritik, weg mit der seit Ikarus über uns krei senden Flugangst - die Brüder Wright waren tolle Kerle in ihrer fliegenden Kiste. Das Schönste am Fliegen bleibt neben dem Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben, wohl diese putzige Überschaubarkeit unserer kleinen Welt. So ein bisschen Hybris kann doch nicht schaden, oder? Und wenn bei Brechts "Schneider von Ulm" der Bischof den Leuten sagt: "Der Mensch ist kein Vogel, / Es wird nie ein Mensch fliegen", dann handelt es sich bloß um Geschäftsschädigung. Obwohl, wie sagten schon die Passanten in Kitty Hawk? Runter kommen sie alle.
norbert.mayer@diepresse.com