Genossen im Streik

Der Arbeitskampf will gelernt sein. In Österreich gibt es sogar eine Schule des Bummelstreiks.

Das erste Mal wird von den meisten Menschen in ihrer Biografie gern glorifiziert. Der erste Kuss, die erste Zigarette, das erste selbst verdiente Geld, und die Schicksalsjahre, '34, '38, '45, '55, '89 - die Augen von Oma und Opa werden feucht, wenn von der guten alten Zeit erzählt wird. Nun also der erste große Streik für alle Österreicher, die jünger sind als der künftige Bemessungszeitraum für die Pensionsberechnung, ein politischer Streik sogar. Was werden wir unseren Enkeln erzählen über das wirkliche Wende-Jahr 2003?

Bei herrlichem Frühsommerwetter des morgens von Schönbrunn bis zur Kärntner Straße spaziert, fröhliche junge Radfahrer und ausgelassen winkende Straßenbahner getroffen. Aber wenig Streik-Kultur wie bei geübten Nationen, etwa Italienern oder Briten. Irgendwie erinnerte der 6. Mai 2003 in Wien an einen gewöhnlichen Fenstertag: Viel Verkehr, viel Regierung im ORF, kaum Kampf.

Der Verdacht kommt auf, die Österreicher haben das Streiken nicht gelernt. Es streiken nur die, die um Privilegien fürchten, und die Jungen unter dreißig, die eigentlich auf die Barrikaden steigen müssten, weil sie die Geleimten sind bei der Pensionsreform, die den Generationenvertrag aufkündigen müssten, die kümmern die Manöver der Politik eigentlich nicht.

Wo also erlernt man die hohe Kunst des Arbeitskampfes? Gibt es eine Schule, eine Akademie? Jawohl, und zwar den Grundkurs des Bummelstreiks. Er wird seit Jahren gelehrt, von all den gefährlichen Elementen, die durch ihre verantwortungslose Arbeitsniederlegung den sozialen Frieden gefährden: Kanzler, Vizekanzler, Finanzminister, Wirtschaftsminister . . . Beispiele? Das Nulldefizit kommt bald wieder, sagt die Regierung. Wann? 2003, 2004, 2005, es wird gebummelt. Die Steuerreform kommt. Wann? 2003, 2004, 2005, es wird halt noch ein bisserl gebummelt. Die Verwaltungsreform kommt. Wann? 1960, 1970, hoppla! 2010? Die Abfangjäger kommen. Wann? Wie viele? Gekauft? Geleast? Geraubt?

Liebe Werktätige in der Bundesregierung! Lasst ab von Eurem ruchlosen Bummeln und nehmt die Arbeit endlich wieder auf! Drei Jahre Streik sind mehr als genug. Was sollen die jungen Leute von Euch denken, die für die Politikerpensionen aufkommen sollen? (Und das ist noch der kleinste Teil ihrer Verpflichtungen.) Die gehen glatt noch in die Politik, aber nicht unbedingt auf der Seite der wahren Meister politischen Streiks.

norbert.mayer@diepresse.com

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