Der Everest als Jauchegrube

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ie Bilder sind grausig. Ein Toter hängt in den Seilen, steif gefro ren. Die nach ihm kamen, klettern an ihm vorbei. Das letzte Lager vor dem Gipfel ist mit Sauerstoffflaschen zugemüllt - und am Rand liegen die Leichen. Keiner schafft sie weg. Ist zu mühsam. Die sich lebend bis dort hinauf geschleppt haben, sind gerade noch im Stande, sich die Steigeisen umzuschnallen.

Ich habe mir die Bilder im Fernsehen angesehen. Zum 50. Jahrestag der Everest-Besteigung wurden wir ja von Dokumentationen regelrecht überschwemmt. Fazit: Wer den höchsten Berg der Welt besteigt und dabei nur ein paar Zehen verliert, hat Glück gehabt.

"Ich verstehe sowieso nicht", sage ich am Telefon zu meinem Vater, "warum irgendjemand Lust haben sollte, da raufzusteigen". "Weil er da ist!" - "Wie bitte?" - "Das hat doch der Mallory gesagt als man ihn gefragt hat, warum er hinauf will: Weil er da ist!" Zugegeben: Die Antwort ist toll. Sie klingt einfach. Und doch tiefsinnig. Diese Antwort ist poetisch.

Und sie ist Quatsch. Selbst wenn man davon absieht, dass Mallory als Eismumie endete: Kompletter Quatsch. Sie ist ein Eingeständnis, dass es keine Antwort auf diese Frage gibt - jedenfalls keine vernünftige. Und sie erinnert mich an diese Ewig-Pubertierenden auf MTV. Die hangeln sich nackt auf einem Seil über einen Teich voller Krokodile. Sie lassen sich von Kampfhunden attackieren und Zettel an den Po tackern. Sie spielen lebende Flammenwerfer oder baden in Jauche, was bekanntlich auch nicht gerade ungefährlich ist. Warum badet ihr in Jauche? - "Weil sie da ist!". Klingt das jetzt noch philosophisch?

Zugegeben: Die MTV-Jüngelchen riskieren "nur" ihre Knochen und gehen die Sache ironischer an. Aber ansonsten haben Extrembergsteiger mit ihnen eine Menge gemein. Beide sind vom Ehrgeiz getrieben, etwas zu tun, was vor ihnen niemand getan hat, auch wenn es für niemanden irgendeinen Nutzen hat. Sie suchen bewusst die Gefahr - nur um sich und anderen zu beweisen, dass sie auch das überstehen. Und sie blicken mit leiser Verachtung auf jene herab, die ein "bürgerliches" Leben führen. Also auf uns, denen es Abenteuer genug ist, ihren Kindern das Rad fahren beizubringen und die Jahr für Jahr an ihren Schreibtischen sitzen und Papiere wälzen, ohne je auf die Idee gekommen zu sein, sich diese Papiere irgendwohin zu tackern. Genauso wenig übrigens, wie die Sherpas von sich aus auf die Idee gekommen sind, den Mount Everest zu besteigen. Wie sagte einer von ihnen in einer dieser Dokumentationen? "Ich habe gar nicht verstanden, was die da oben wollen. Da oben gibt es doch nur Schnee!"

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

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