Meinung: Cos¬ fan tutte

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ute Meldungen sind selten. Noch rarer sind allerdings Meldungen, die für verschiedenste, sogar für konkurrenzierende Interessensgruppen gut sind. Am Montag war ein solcher idealer Moment. Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) rief zur Pressekonferenz ins Rathaus, bei der sein Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) verkünden durfte, dass dessen Vorgänger im Kultur-Ressort, Peter Marboe (ÖVP), zum Intendanten für das Mozart-Jahr 2006 bestellt wird. Das ist generell positiv für die Kunst und die Stadt, aber wir wollen ein wenig ins Detail gehen.

Zuallererst kann Mailath-Pokorny aufatmen. Die jüngst kolportierten Gerüchte, dass Häupl ihn bald durch Marboe ersetzen werde, waren falsch. Vielmehr bekommt der Stadtrat einen weiteren kompetenten Intendanten. Es ist schön für Wien, dass ein weltläufiger, großzügiger, kulturbesessener Mensch eine herausfordernde Aufgabe erhält und nicht im Schatten bleiben muss, in dem ihn die Volkspartei allzu lange stehen ließ. Profitieren wird auch Häupl. 2006, wenn Wien wählt, wird die Stadt der Musen getränkt sein von der Süße Mozarts, und der Bürgermeister hat einen profilierten ÖVP-Lokalpolitiker an seiner Seite. Wenn das kein Appell an groß-koalitionäre Instinkte ist!

Man möchte beinahe ein herrliches Duett aus "Così fan tutte" anstimmen. Sie machen's alle. Die Stadt munitioniert sich für das Mozart-Jahr auf, als ob es um das Champions-League-Finale geht: Klausnitzer, Geyer, Zechner, Landesmann, Holender, und jetzt auch noch Marboe - eine Legion von Star-Managern wird dafür sorgen, dass die Welt erfährt, wo Amadeus wirklich zu Hause ist. Deutschland, erblasse. Es war ein Fehler des ZDF, Mozart in die Kandidatenliste der berühmtesten Deutschen einzutragen. Jetzt wird es sogar Salzburg schwer fallen, sich als Erbe zu legitimieren. U
nd was ist mit der ÖVP? Nun, auch die gehört zu den Nutznie ßern dieses Coups. Sie kann sich, nachdem Marboe privatisiert ist, wieder auf ihr ideologisches Kerngeschäft konzentrieren, denn der Stadtrat gehörte einst neben Landesparteichef Bernhard Görg zu den vehementesten Kritikern der schwarz-blauen Koalition im Bund. Marboes Berufung ist eine Flurbereinigung, sein Abgang kann zu einem reinigenden Gewitter führen. Vielleicht wird die ÖVP Wien nun noch besser auf Linie gebracht. Das zeigt sich spätestens dann, wenn Marboes Stadtrats-Nachfolger bestimmt ist. Die bunten, flatterhaften Vögel fliegen rüber zur "Zauberflöte". Und Finz und Kunz kümmern sich um eine kantige Oppositionspolitik in der Stadt.

norbert.mayer@diepresse.com

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