Die Einführung der In-vitro-Fertilisation vor 25 Jahren strapaziert bis heute unsere Ethik.
Superbabe: So nannte die in Spitznamen vernarrte englische Boulevard- Presse Louise Brown, die am 25. Juli 1978 auf die Welt kam. Per Kaiserschnitt - aber diese unnatürliche Art der Geburt wog leicht gegen die unnatürliche Art der Zeugung: Sie war das erste Retortenkind, der erste Mensch, der aus einer Eizelle und einer Samenzelle entstanden ist, die miteinander im Reagenzglas verschmolzen. In-vitro-Fertilisation (IVF) nennt man das, heute leben mehr als eine Million Menschen, die so gezeugt worden sind.
Und Louise Brown? Sie ist bei der Post, verlobt, füllig und so weit gesund, aber "medienscheu", wie es heißt. Sie hat keine Lust, eine öffentliche Person zu sein, an der sich wieder und wieder die Diagnose illustrieren lässt, die für ein ganzes medizinisches Gewerbe einer Absolution gleichkommt: IVF-Kinder sind "ganz normal", im Durchschnitt genauso gesund oder krank wie natürlich gezeugte.
Das ist nicht selbstverständlich, schon weil das Rennen der Spermien zur Eizelle, bei dem ja deutliche Selektion erfolgt, drastisch verkürzt wird. Offenbar macht das nichts: Es erscheinen zwar vereinzelte Studien, denen zufolge Retortenbabys doch höhere Risiken tragen, aber die medizinische Mainstream-Meinung ist, dass alles okay ist. Es gebe auch, fügen einige hinzu, da noch Möglichkeiten, man möge nicht gleich von Selektion sprechen, aber . . .
Praktische Gynäkologen sagen es am deutlichsten: Wie nahe liegt es, die eben gezeugten Embryonen einigen Gen-Tests zu unterwerfen! Kein Breitband-Check auf Herz-, Nieren- und Charakter-Gene, beileibe nicht, aber doch zumindest eine Überprüfung, ob ein Embryo überhaupt eine Chance zur Entwicklung hat oder besser gleich verworfen werden soll. Das passiert später ohnehin auf natürliche Weise, ein gut Teil der befruchteten Eizellen wird nicht ausgetragen, sondern ausgestoßen aus dem Mutterleib.
Ja, aber das können wir nicht steuern. Positiv formuliert: Die IVF hat unsere Handlungsmöglichkeiten vergrößert, unsere Entscheidungsfreiheit drastisch erweitert. Sie hat ein Stück Natur in unsere Hände - vor allem in jene der Fortpflanzungsmediziner - gelegt. Damit fordert, strapaziert sie unsere Moral, Pessimisten mögen sagen, sie überfordert sie.
Aber wenn wir mit Fragen von Leben und Tod überfordert sind, dann sind wir es schon lange, nämlich seit wir bewusst heilen und töten können. Und mit dem Slogan "Zurück zur Natur!" sollte man vorsichtig sein: Wohl niemand wünscht sich die - ausgesprochen selektive - Kindersterblichkeit des Homo sapiens in Zeiten vor der Gynäkologie zurück.