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um hundertsten Geburtstag bekam der 1950 verstorbene britische Schriftsteller George Orwell aus aller Welt Rosen gestreut, mit ein paar Dornen dran. Der konservative "Spectator" lobte den Einsatz des engagierten linken Dichters gegen den Sprachverfall und gegen Klischees, die vor allem in der Politik verbreitet werden. Die kanadische Autorin Margaret Atwood, die unlängst den bemerkenswerten Zukunfts-Roman "Oryx and Crake" geschrieben hat, erklärte Orwell in der BBC zu einem der wichtigsten Säulenheiligen der Literatur und befand, dass er auch heute viel zu sagen habe.
Selbst der Historiker Timothy Garton Ash ging überraschend milde mit dem Literaten um. Überraschend deshalb, weil Ash am Wochenende im "Guardian" enthüllte, dass Orwell 1949 eine Liste ans britische Außenamt geschickt hatte, auf der er 38 Kollegen, Wissenschaftler und Schauspieler des Kommunismus verdächtigte. Eine surreale Situation: Zugleich bemühte sich Orwell, "1984" abzuschließen, einen Schlüsselroman des Totalitarismus.
Dieses Werk und die schwarze Fabel "Animal Farm" machten ihn weltberühmt. Dabei hat Orwell andere, berührende Bücher geschrieben, Essays und Autobiografisches, die mehr Aufmerksamkeit verdienten. Denn die Prophetie von "1984" hat an Schärfe verloren, vor allem wenn man sie mit Aldous Huxleys "Brave New World" vergleicht. Das ist eine Technologie-Vision, die noch immer Furcht und Zittern verbreiten sollte.
"1984" ist hingegen eine Vorwegnahme der Milgram-Experimente, mit denen in den sechziger Jahren gezeigt wurde, wie rasch der "normale" Mensch sich Autoritäten beugt und auch unmenschliche Anordnungen befolgt. "Don't do it to me, do it to Julia", sagt Winston. Er ist unter äußerstem Druck bereit, seine Geliebte zu opfern. Schreckliche alte Welt!
Orwell war dennoch ein mutiger Schriftsteller. Eine Schwäche aber hatte er. Die Angst vor der Zauberei. Und das mit gutem Grund. In einer neuen Biografie enthüllt Gordon Bowker, dass der berühmte, inzwischen verstorbene Mediävist Steven Runciman mit Orwell 1917 in Eton Voodoo betrieben habe. Einer Wachspuppe, mit der ihr Mitschüler Philip Yorke gemeint war, brachen sie ein Bein. Yorke brach sich ein Bein, starb drei Monate später an Krebs. So schrecklich war das für den jungen Dichter, dass er seinen Namen Eric Blair in George Orwell änderte - damit sich niemand mit schwarzer Magie an seinem Namen räche. Auch das eine von Blairs bisher verborgenen, tückischen Listen.
norbert.mayer@diepresse.com