Sommer ist's. Alles drängt aufs Land, nach Niederösterreich oder gar ins liebliche Burgenland.
Täusche ich mich, oder haben meine Kritiker-Kollegen in den letzten Tagen ihr Mienenspiel beträchtlich verändert? Von gelangweilter Professionalität wechseln sie zu - sprechen wir es ruhig gelassen aus - stiller Fröhlichkeit. Als ob kollektives Fensterln angesagt sei und die frisch herausgeputzten Dirndln und Knechte bereits die Leiter an die Hofwand gelehnt haben.
Am Urlaub kann es nicht liegen, denn die Redakteure machen alle eifrig ihren Dienst, studieren Museums-Bilanzen und genetische Codes, Kulturberichte und Partituren, sammeln schockierende Informationen über Intrigen in Burg und Oper. Warum also die beunruhigende Ausgelassenheit?
Es liegt am Programm. Man muss nämlich wissen, dass das Frühjahr im Wiener Kulturbetrieb anstrengend ist, erschöpfend, beinahe die Gesundheit gefährdend. Aber recht bald nach der Sommersonnenwende machen die Großbetriebe, über die nur mit heiligem Ernst geschrieben werden kann, dicht. Die Festwochen sind glücklich abgespielt, vergessen, und alles drängt aufs Land, nach Niederösterreich oder gar ins liebliche Burgenland. Und das ist gut so.
Abends schwärmen die Kollegen aus, wie tausende andere Liebhaber von Festivals, um Spielstätten in Niederösterreich oder Erbauliches am Neusiedler See heimzusuchen. So viel Andrang herrscht nun bis Mitte September an Dutzenden Spielorten, dass selbst die Gelsen bei den Seefestspielen in Mörbisch zu einer beinahe vernachlässigbaren Minderheit werden.
Recht schön, aber was ist mit der Qualität? Fragt der verwöhnte Wiener. Die wurde vielerorts stark verbessert, sagen die sommerlich gestimmten Kritiker. Während man sich früher bei rustikalen Veranstaltungen mit ausgemusterten Schauspielern beinahe wie im ORF-Vorabendprogramm vorgekommen sei, gebe es nun vielfach interessante Inszenierungen. In Reichenau am Semmering, in Schwechat und Carnuntum - unterhaltsame Kunst, die dankend angenommen wird.
2003 werden beim Theaterfest Niederösterreich an 18 Spielorten bei 413 Vorstellungen 220.000 Besucher erwartet. Der Spaß soll 9,1 Millionen Euro kosten - das ist im Vergleich mit Wien ziemlich günstig. Wenn man also hier in der von Hitze geplagten, verlassenen Innenstadt sitzt, ergreift einen längst entwöhntes Sehnen: Auf in die Parndorfer Heide, oder wenigstens nach Perchtoldsdorf!