Beim Namen Shakespeare erzittert der Studienrat. So überwältigend ist der Ruhm des Barden, dass an seinem Wort kaum je gezweifelt wird. Zwar hat irgendein neidiger Franzose vor vielen Jahren einmal vom Werk eines "betrunkenen Wilden" gestammelt, doch für den Bildungsbürger ist Shakespeare an Prestige kaum zu überbieten. Allenfalls zweifelt man daran, ob wirklich Herr Shakespeare aus Stratford das Universalgenie war oder nicht doch ein feinsinniger Adeliger aus besten Londoner Kreisen.
Nun aber hat Herr Brian Vickers ein Buch geschrieben, das uns erschüttern sollte. Laut "Shakespeare, Co-Author" war William in seiner frühen Schaffensperiode allenfalls ein Zulieferer für die Stücke anderer, später - als erfolgreicher Impresario - hat er sich für die eigenen Dramen Lohnschreiber geleistet. Es ging zu wie in Hollywood, oder gar wie im Studio von Rembrandt. Alles Stückwerk: Spezialisten für Liebesszenen, für Duelle, fürs einfache Volk sorgten für den richtigen Ton - George Peele in "Titus Andronicus", Thomas Middleton in "Timon", George Wilkins in "Pericles", John Fletcher in "The Two Noble Kinsmen".
Kann man sich in dieser Schreibfabrik denn überhaupt noch sicher sein, wer den Monolog "To be or not to be" verfasste? Vielleicht stand Shakespeares Company unter Druck: "Bitt' schön, Herr Bacon, morgen brauch' ich für den Hamlet ein Bisserl was Philosophisches, der Fletcher hat die Sexszene mit der Ophelia noch immer nicht geliefert, und zu Pfingsten ist Premiere."
Diese entsetzliche Entfremdung! Die armen Fließband-Arbeiter zu Zeiten Elizabeth I.! Das wäre ja so, als ob der Chef bei uns zum Feiertage sagte: Schreiben Sie, bitte, fünf sentimentale Sätze zum Tag der Arbeit. Das G'scheite stückelt der Wissenschafts-Redakteur dran, und das Euphorische fürs große Finale macht der Sport. Nein, so billig wie bei Shakespeare wollen wir es dann doch nicht.