"Dark Side Of The Moon", neu abgemischt: Das führt die Sucht nach dem "Original" ad absurdum.
So viel Aufregung um ein reichlich manieriertes Salzfass! Dergleichen wäre bei einem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit nicht möglich, oder? Nehmen wir Schallplatten: Ihnen sollte eigentlich nie dieser mit unschätzbarem - und genau deshalb gut schätz- und versicherbarem - Wert beladene Status des Originals zukommen.
Sollte nicht. Trotzdem werden auf Plattenbörsen zerkratzte "Originale" von Beatles-Singles teuer versteigert. Das ist die eine Art, in der sich die Sucht nach materieller Authentizität, Exklusivität in Kunstsparten manifestiert, in denen sie eigentlich keine Basis hat. Hier geht's um Aura der Form - meist der Hülle -, nicht des hörbaren Inhalts.
Die andere Art ist noch seltsamer: die Jagd nach fiktivem Original-Klang. Damit ist nicht das berechtigte Bestreben von Harnoncourt & Co. gemeint, sich dem Klang alter - nicht aufgenommener, nur notierter Musik - zu nähern. Dieser wurde von Heutigen nie gehört, er lässt sich nur rekonstruieren. Anders der in Vinyl oder Silber gepresste Klang der Beatles: So klang und klingt das eben, originaler geht's nicht. Auch nicht, wenn man es noch so oft digitalisiert und "remixt": Dadurch entfernt man sich eher vom Originalklang, den man streng genommen dann erzielt, wenn man eine Platte aus den Sechzigerjahren auf einem Plattenspieler aus den Sechzigerjahren spielt. (Ob man auch mit Sixties-Ohren zuhören muss, ist eine offene Frage.)
Trotzdem boomen in einer Zeit, in der sich die Musikindustrie zunehmend auf ihren Back-up-Katalog (und auf von öffentlichen TV-Anstalten gut subventionierte Eintagsfliegen-Jagd) verlässt, die Verkaufsargumente mit den "Remixes". Manchmal wird gar geraunt, bisher Unhörbares (Bässe der Verschwörung etc.) würde auf diesen hörbar.
Unsinn. Bleibt der angeblich durch neue Abmischung verbesserte Sound. Nun auch einer Platte, deren dauerhafter Erfolg auf ihren majestätischen Binsenweisheiten, aber vor allem auf ihrem schieren Sound beruhte: Nie klangen Münzen so sehr nach Münzen, Uhren nach Uhren, Orgeln nach Orgeln wie auf Pink Floyds "Dark Side Of The Moon" (1973). Anders herum: Wie Münzen, Uhren, Orgeln zu klingen haben, weiß eine Generation von dieser Platte.
Und jetzt? Originaler als original? Es gibt kein Zurück zu einem Ur-Zustand. Die Platte war nie hinter Glas im Museum verwahrt, sie ist so viel wert, wie man im Geschäft für sie zahlt. Eher weniger. Die Aura, die Walter Benjamin im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit verkümmern sah, muss sich jeder selbst definieren, aus Erinnerungen. Und die kann keiner versichern. Wie der große Johnny Thunders sang: "You can't put your arms around a memory."