Meinung: Bayerische Intrige gegen das Land Tirol

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eunruhigende Meldungen aus Bayern: Fast jeder fünfte Bürger dort ist ein Roter. Wie kann das sein? Wahrscheinlich gibt es doch noch einige Nostalgiker, die wissen, dass die alte Tante SPD an der Wiege dieses komplexen Freistaat-Gebildes stand, und nicht die progressive Lederhosen-Fraktion der CSU. Vielleicht gibt es sogar noch versprengte Häufchen, die von einer Räterepublik schwärmen, und sicherlich ist auch der Nürnberg-Faktor zu berücksichtigen. Nürnberg war schon immer eine rebellische Stadt, die sich nur mühsam damit abfindet, dass Gott neuerdings in München wohnt. Im berüchtigten Wahlkreis Nürnberg Nord etwa kam die SPD mit 29,1 Prozent der Stimmen für Bayern ziemlich knapp an die CSU (49,1) heran.

Fast jeder dritte Nord-Nürnberger ein Sozi! Das muss Edmund Stoiber an die verlorene Bundestagswahl 2002 erinnern. Jetzt bloß keinen sündhaften Übermut: So eng kann es werden im Revolutions-bewussten Bayern. Von 92 Wahlkreisen errang die Stoiber-Partei nur in 84 die absolute Mehrheit. In acht reichte es nur für die relative Mehrheit, sechs davon liegen in München, dieser wankelmütigen Metropole, wo in manchen Bezirken die SPD weit über 30 Prozent erhielt. Das ist doch schon was. Münchens roter Ex-Bürgermeister Hans-Jochen Vogel dürfte Recht haben. Die CSU hat auch keinen ewigen Pakt mit Bayern. Aber einen mit ziemlich unbeschränktem Verfallsdatum.

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orin aber liegt der Zauber des Edmund Stoiber, der seinen Landsleuten Starkbier predigt und Mineralwasser trinkt? Treibt ihn die Rache an, gegen Berlin und den wankelmütigen Gerhard Schröder, der im Sommer des Vorjahres noch wie der programmierte Verlierer aussah und sich dann doch zum Sieg überwand? Plant Stoiber den Marsch auf Berlin? Das kümmert vielleicht kurzsichtige Kommentatoren in unwichtigen Hauptstädten, die Stoiber auch im Vorjahr voreilig siegen sahen. Aber was in Preußen passiert, kratzt keinen echten Bayern. Die CSU wurde gewählt, weil es sich eben so gehört. Das braucht keinen tieferen Grund. Man geht ja auch vorbehaltlos zum Oktoberfest auf die Wies'n. Ein niedriges Motiv aber ist Bayern jederzeit zuzutrauen. Die Zweidrittelmehrheit für die CSU ist eine Intrige gegen das schwarze Tirol. Wenn dort die ÖVP nächsten Sonntag hysterisch an der Fünfzig-Prozent-Marke grundelt, können die Bayern wieder einmal sagen: Solche Zuständ' hätt's unterm Wallnöfer nicht geben.

norbert.mayer@diepresse.com

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