Meinung: Süße Geheimnisse

A
rchilochos von Paros war ein ganz Schlimmer. Von diesem heimtü ckischen Lyriker könnten sogar die großen deutschen Gelegenheitsdichter etwas lernen, die in dieser Saison ihre Beziehungsdramen bewältigen, indem sie alles herausrotzen, was ihre überforderten Drüsen belastet. Um deutlich zu werden: Es geht um den Intimbereich und um Verletzungen. Das Dichterlein aus Paros rechnete nach dem Scheitern einer Beziehung in seinen Versen so brutal mit einem Mädchen ab, das ihn verstoßen hatte, dass die junge Frau sich nach Veröffentlichung der Gedichte aus dem Gefühl der Entehrung entleibte. Das war noch nicht alles. Die Schwester des Mädchens und sogar der Vater wählten den Freitod.

Heute muss das nicht mehr sein. Wenn heute, sagen wir, Dieter Bohlen in einem Buch über Pferde, die Anatomie, eine Ex oder die künstlerische Herausforderung des Dreiklangs in C-Dur philosophiert, hat man Alternativen zum Suizid. Die verlorene Ehre wird wieder hergestellt, indem man selbst ein Buch schreibt, das andere Blößen bloßstellt. Wer das als zu aufwendig empfindet, der sollte in die nächste Talkshow gehen und versuchen, lauter zu sein als der oder die Ex.

Oder man beschäftigt die Gerichte.

Solch einen Konter hat Maxim Biller erlebt, der einen hässlichen Schlüsselroman geschrieben hat. Seine Ex-Freundin und deren Mutter haben bewirkt, dass selbst eine Ausgabe, in der diskreditierend empfundene Stellen geschwärzt sind, nicht erscheinen darf. Wer aber gelegentlich "Bild" studiert oder ins echte Fernsehen zappt, kennt genau diese Passagen. Also müsste man in Konsequenz Herrn Biller Berufsverbot geben, denn jedesmal, wenn man seinen Namen hört, assoziiert man seine Ex-Schwiegermutter in spe - und das könnte zarte Seelen in den Selbstmord treiben.

N
ein, dieses Verbot ist keine Lö sung. Denn dann müssten Fami lien wie die Steins und Willemers die polemischen Schriften des Geheimrates Goethe verbieten lassen, Puschkin käme in den Gulag, die Frisch-Erben würden von den Bachmann-Erben verklagt. Eine einfachere Lösung wäre zwar, die Talkshows zu zensurieren - doch wer möchte Arabella ohne Unterleib sehen?

Was tun? Die Lösung liegt so nah. Liebe Postminister, verschärft das Briefgeheimnis! In Italien hat man das nach dem Krieg getan, damit nicht allzu viel über schwülstige alte Bekenntnisse zu Mussolini bekannt wird. Italien ist heute kein feiger Staat der Angepassten, sondern ein Hort des Widerstands. So einfach ist das: Liebe Leute, schreibt einander Briefe, leidenschaftliche, explizite, reinigende Gewitter nach herben Enttäuschungen. Die damit Bedachten müssen schweigen wie ein Grab.

norbert.mayer@diepresse.com

Soll man die Talkshows verbieten, beleidigende Texte? Nein.

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